"En lustig Begriäwnisse"

Von Esloher Veteranen, Kameraden und Frauleuten


Im März 1928 fand der Leser der "Mescheder Zeitung" unter der Rubrik "Sauerländer Ecke" eine erheiternde Anekdote, die gut und gerne Stoff für einen Schwank, einem volkstümlichen Bühnenstück bieten könnte. Der Ort der Handlung ist Spielmanns Gaststätte in Eslohe, dem heutigen Jägerhof. Der Verfasser des gänzlich in sauerländer Mundart gehaltenen Artikels ist nicht bekannt, aber offensichtlich ein ortsansässiger Bürger, ein „Esloher Kind“, der Zeuge oder gar Mitwirkender am Geschehen war.

Bevor der geneigte Leser sich vom Inhalt des Manuskripts amüsiere, wolle er Kenntnis erlangen über die Hauptakteure des Schauspiels. 

Das Vermächtnis


Eigentlich bestand Grund zur Traurigkeit, denn ein Begräbnis ist vom Wesen her nicht zur Erheiterung der Beteiligten vorgesehen. Doch der Hauptdarsteller wollte keine Tragödie, vielleicht diese Komödie, als er zur rechten Zeit bestimmte, dass nach seinem Ableben Fröhlichkeit herrschen, getrunken und gesungen werden solle. Er war einer der Ihren, der Posthalter Joseph Schulte, auch „Wulfes Vater“ genannt, ein Kriegsveteran und Mann der ersten Stunde des um 1870 in Eslohe gegründeten Kriegervereins. 

Joseph Schulte gnt. Posthalter mit Ehefrau Maria, geborene Püttmann gnt. Wortmann aus Frielinghausen, mit ihren Kindern
Joseph Schulte gnt. Posthalter mit Ehefrau Maria, geborene Püttmann gnt. Wortmann aus Frielinghausen, mit ihren Kindern

Er wollte seinen Kameraden in guter Erinnerung bleiben und getreu den Statuten des Vereins die Geselligkeit fördern. Vereinszweck war zudem, die patriotische Gesinnung zu fördern, aber auch „Mitgliedern des Vereins, welche der Hülfe bedürftig werden sollten und deren würdig sind, nach Kräften zu unterstützen“.
Noch zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, als der katholische Teil des Sauerlandes erst unter hessische und dann preußische Landesherrschaft kam, behagte den Bewohnern die neue Pflicht zum Soldatsein nicht und es kam zu massenhaften Desertionen. Der Sinn für alles Militärische und Patriotische musste erst geweckt werden. Diesem Ansinnen nahmen sich auch die ersten Kriegervereine an. Aber erst nach dem erfolgreich geendeten Feldzug gegen den Erzfeind Frankreich 1870/71 erstarkten die Kriegervereine und vaterländischer Stolz über den Sieg entfachte eine zuvor nicht gekannte Euphorie, die nicht nur in Eslohe zur Neugründung eines Kriegervereins führte. 65 Mitglieder zählte der Verein schon kurz nach seiner Gründung. Dazu gehörten nicht nur die Kriegsveteranen um Hauptmann Franz Schneider, der als Triebfeder in Erscheinung trat. Ihre Heldensagen und Erzählungen waren dazu angetan, auch junge Menschen zu begeistern, die noch nie in Soldatenstiefeln gesteckt hatten. Ein Übriges tat dann die im September 1871 in Eslohe von der Gemeinde ausgerichtete Siegesfeier, zu dessen Gelingen der Kriegerverein beitrug. 

Die Stimmung wechselt


Noch vielzählige Kriegerfeste, stimmungsvolle „Kaisergeburtstagsfeiern“ und Teilnahmen an Kaiserparaden und Umzügen füllen die Annalen des Vereins bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs im Jahre 1914. Mit der Nachricht über den ersten Kriegstoten im Amt Eslohe, dem im August 1914 in Frankreich gefallenen zweifachen Familienvater Anton Middel aus Isingheim, hatte auch den Kriegerverein die Realität erreicht. Der Vorstand beschloss eine Seelenmesse lesen zu lassen. Es blieb in der Folge nicht bei der einen. Anfang 1917 zählte der Verein 127 Mitglieder von denen 65 im Felde bzw. unter den Fahnen standen. Still wurde es in der Vereinsgeschichte zum Kriegsende bis im Mai 1919 der Beschluss gefasst wurde, den Kriegerverein unter seiner Bezeichnung weiter bestehen zu lassen. 1921 wurde mit Ehrung der heimgekehrten Krieger, Verwundeten und Gefangenen erstmals wieder ein Vereinsfest in Eslohe begangen. Es folgte die Errichtung des Kriegerdenkmals in Obersalwey und des Ehrenmales an der Esloher Kirche.

Im Mai 1926 feierte der Kriegerverein sein fiktives 60jähriges Bestehen. Als einer der wenigen noch lebenden Gründungszeugen wird ausdrücklich der Altveteran Posthalter Joseph Schulte benannt, welcher am 31.12.1840 geboren war und am 21. Januar 1928 87jährig an Altersschwäche verstarb. 


Piston war kein Schimpfname

 

Ein weiterer Akteur des „Bühnenstücks“ war der Hornist Anton. Gemeint ist Anton Gockel, Beschäftigter der Firma Gabriel am Esloher Kupferhammer. Er wohnte im Mühlental, zwischen Niedereslohe und Sallinghausen gelegen. Anton nahm offensichtlich an der Beisetzung des Schulte-Posthalter in Eslohe teil um als Hornist dem lieben Verstorbenen mit einem Lied die letzte Ehre zu erweisen. Was nicht erwähnt wurde ist dessen vieldeutig erscheinender Spitzname „Piston“. Doch der Name kommt aus dem Französischen und bezeichnet ein „Kornett“, ein kleines Horn und stellt somit eine Verbindung zu Antons geliebter Freizeitbeschäftigung her. 

Die Musikkapelle Eilinghoff in ihren Anfangsjahren, Foto um 1910
Die Musikkapelle Eilinghoff in ihren Anfangsjahren, Foto um 1910

Vermutlich war Anton zur Beisetzung nicht als Solokünstler unterwegs. Zu verschiedenen Festivitäten in Eslohe erscheint zwischen den Jahren 1910 und wohl zuletzt zum Schützenfest 1933 die „Feuerwehrkapelle Eslohe“. Bis zu fünfzehn Musiker waren aktiv und brachten Stimmung und Unterhaltung beim jährlichen Hauptfest im Dorf. Zu weiteren Anlässen, wie Hochzeiten, Jubiläen und auch Beerdigungen traten diese Musiker auch in kleinerer Formation auf. Geleitet wurde die Musikkapelle von dem Kapellmeister Eilinghof aus Sieperting. Deshalb war auch der Name „Musikkapelle Eilinghof“ gebräuchlich. Ein Großteil der Aktiven war, wie auch Anton Gockel, beim Esloher Kupferhammer, der Firma Gabriel (später König) beschäftigt, sodass sie auch als „Werkskapelle Gabriel“ bezeichnet wurde.

 

Ein Foto aus den Anfängen der Musikkapelle entstand um 1910 und zeigt zwölf junge Männer in dunklen Anzügen, Binder und mit Zylinder auf ihrem Haupt. Bekannt sind in der hinteren Reihe (links) Johann Schulte aus Büemke, in der Mitte Franz Schnettler aus Sieperting, der die Klarinette spielte. Neben ihm, der vierte v.l. in der hinteren Reihe ist Karl Recke, der an der Hauptstraße (später Dudek) in Eslohe wohnte. Er war Schmiedemeister bei der Firma Gabriel.  Vierter v.l. in der zweiten Reihe ist Anton Gockel, auch „Piston“ genannt. Auch in Fotos aus späterer Zeit sind Vertreter der Musikkapelle Eilinghof nicht zu übersehen und Anton Gockel ist, nun geschmückt mit einem Schnauzbart, mit seinem Instrument stets dabei:

Bei fröhlichem Gelage: Anton Gockel (vorne Mitte mit seinem Horn), die dicke Trommel schlug hier vermutlich "der alte Hoffmann aus der Springstraße"
Bei fröhlichem Gelage: Anton Gockel (vorne Mitte mit seinem Horn), die dicke Trommel schlug hier vermutlich "der alte Hoffmann aus der Springstraße"
Beste Stimmung und mittendrin die Musiker der Kapelle Eilinghoff
Beste Stimmung und mittendrin die Musiker der Kapelle Eilinghoff


Aber nun: Vorhang auf!

 

(Der allgemeinen Verständlichkeit fördernd, wird hier nun das ursprüngliche "Platt" ins "Hochdeutsche" übersetzt!)

"Es ist noch nicht lange her, da war in einem Dorf im Kreis Meschede, ..- ich will das Dorf gerade nicht nennen, sonst könnten mir so Leute, die so recht keinen Spaß vertragen, an den Kragen gehen. Das eine will ich euch verraten: Es sagte einmal vor langen Jahren ein wahnsinnig kluger Mensch, das Dorf wäre 'die Metropole der Intelligenz'. Die Nachbardörfer'schen hören das nicht gern und all das vornehme Getue können sie nun mal nicht ausstehen, und wenn sie mal recht giftig sind, dann sagen sie wohl: "Die E.. verdienens Geld in den Schluffen und stehen auf der Treppe und prockeln in den Zähnen rum, als ob sie Fleisch gehabt hätten. Und dabei ist nichts dahinter." Sie können aber alle sagen was sie wollen, es ist auf der ganzen Welt kein Stückchen Erde so schön, wie dieses Dorf. Das sage ich, denn ich bin da geboren. Ihr könnt nun raten wie Ihr wollt, ich habe nichts gesagt.

Also in E.. war eine große Beerdigung und von nah und fern waren die Leute gekommen, um 'Wulfes Vater' die letzte Ehre zu erweisen. Ihr müsst aber nun nicht denken, ich wollte euch eine traurige Geschichte erzählen. Oh nein, ihr sollt lachen, dass euch die Augen übergehen! Nun hört mir neugierig zu.

 

'Wulfes Vater' war ein alter Veteran von 1870/71 und Kösters Josef auch. 'Wulfes Vater' hielt nun mit Leib und Seele zu einem Kriegerverein, er hatte ihn auch lange Jahre auf die Beine geholfen. Als nun vor einem halben Jahr Kösters Josef zur 'großen Armee' abrückte, da sagte Vater Wulfes: "Jaussep, imme halwen Johr sinn iek auk do haugen." Und richtig, er hatte Wort gehalten. Vor seinem Tod sagte er zu seinen Kindern: "Kinner, wann iek mol daut sinn, dann sall de Kriegerverein en Faat Bäier hewen un de Musik sall spiellen, dat et sau ne Art hiärt."

Das war für unsere Krieger ein schönes Geläute, und als sie 'Wulfes Vater' mit allen Ehren in der Erde hatten, gingen alle Mann in Spielmanns Stube, wo das Fass schon bereitstand. Nun wisst ihr ja wohl, in Veltins Karl seinem Bier sitzt Feuer und Flamme, und die Mannsleute fingen an zu diskutieren, über alles was sie auf dem Herzen hatten, und waren so lustig, wie die Bienen am Johannistag; sagt Grimm.

Der Küster hatte schon lange zu Mittag geläutet und die Kinder kamen schon aus der Schule, da saßen unsere Krieger noch immer in Spielmanns Stube hinter dem Bier. Auf einmal ging die Tür auf und herein kam eine Frau, gelb und grün vor Gift, ging auf ihren Kerl zu und gab ihm links und rechts was um die Lappen. Und der war so verbiestert, dass er sofort wie ein Lämmchen nach Hause ging. Dass er zuhause noch über den Koffer gekommen ist, das haben sie nicht gesagt.

Die Krieger in Spielmanns Stube hatten sich von ihrem Schrecken erholt und schimpften über die Frauleute und sie hatten ein großes Wort von wegen 'das sollte meine Frau mal machen, ich wollte ihr helfen und zeigen, wer die Hosen anhat'.

Da kam wieder eine Frau herein und sie hielt ihrem Mann eine Predigt, die sich hören lassen konnte. Er war aber ein verkehrter Pater, schlug auf den Tisch und rief: "Iek sinn Heer in der Bude un kumme häime, wann et mey pässet, niu grade nit!" Das Fraumensch zog mit einem langen Gesicht ab und die Krieger ließen sich nicht stören.

 

Der Hornist nahm sein Horn und spielte: Freut euch des Lebens. Er hatte sein Liedchen noch nicht zu Ende, da flog die Tür wieder auf und seine Frau kam herein wie ein D-Zug. Ein Schlag, und seine Trompete lag in der Ecke. Und unser lieber Anton zog seinen Kopf zwischen die Schultern und ging los, als hätte er Essig getrunken. Er kannte sicher die Handschrift seiner Grete besser als wir.

So ging das nun bis zum späten Abend zu. Wenn mal gerade wieder Ruhe eingekehrt war, dann kam mal gerade wieder so ein weiblicher Dragoner. Und die Mannsleute, die das größte Wort gehabt hatten, waren so klein wie eine Ameise.

 

'WulfesVater' hat sicher oben im Himmel seine Freude an der lustigen Beerdigung gehabt. Und wenn er genau aufgepasst hat, dann konnte er am anderen Mittag den letzten Krieger bei Spielmanns um die Ecke  flitzen sehen."



Anmerkungen:


-   Der im Text genannte Kösters Josef war der Landwirt Josef Schulte gnt. Kösters, geb. am 19.5.1840. Auch dieser war Kriegsveteran 1870/71 und starb ebenfalls 87jährig an Altersschwäche am 20.7.1927.

 

-   Ein weiterer Kriegsveteran war Ignatz Schulte aus Wenholthausen, der kurzzeitig am 9.10.1887 mit in den Vorstand des Esloher Kriegervereins gewählt wurde. Ignatz Schulte, geb. am 22.7.1847, wurde im deutsch-französischen Krieg durch einen Kehlkopf-Durchschuss verletzt und aufgrund seiner Verletzung bereits im September 1870 in seine Heimat gebracht. Er starb am 13.9.1930, also nach Josef Schulte Posthalters, wurde aber im Rahmen des Jubiläumsfestes 1926 nicht erwähnt. Vielleicht gehörte er nicht zu den Gründungsvätern des Vereins oder ist, was eher unwahrscheinlich erscheint, später aus dem Kriegerverein ausgetreten.


-   Anders wie nach dem ersten Krieg mussten sich 1945 nach dem Zweiten Weltkrieg alle Kriegervereine auflösen. In der Besatzungszeit durch die Alliierten war eine Fortführung des Vereinsgeschehen untersagt.