Die Stunde Null und die Zeit Danach


Das Ende des II Weltkrieges und der Neubeginn im Amt Eslohe

Anhang: Fünfzehn Liter Friedensbier

Stalingrad im Winter 1942/ 43: Nach monatelangem Kampf um diese Stadt im fernen Russland opferte Hitler dort in unsinniger Weise seine in die Geschichte eingehende 6. Armee. Seitdem war der Glaube an den Endsieg bei einem Großteil der deutschen Bevölkerung arg erschüttert. Auch die Propaganda der Partei konnte den anfänglichen Optimismus nicht aufrecht erhalten. Die sich mehrenden Todesnachrichten von im Krieg gefallenen Angehörigen lösten nicht nur Trauer und Bestürzung aus. Misstrauen, Wut und Verdruss gegenüber den Machtbesessenen verbreitete sich zusehends in der Bevölkerung. Das Ende dieses schrecklichen Krieges wurde herbeigesehnt, denn er zeigte sich grausamer und unerbittlicher von Tag zu Tag.


1943 wurde Deutschland immer mehr in die Defensive gedrängt, nachdem noch weitere russische Gebiete aufgegeben werden mussten. lm deutschen Heer zeigten sich deutliche Verfallserscheinungen. Doch der Hochmut der Nazis führte noch zur Kriegserklärung gegen Amerika, sodass dieses nun aktiv in die Kampfhandlungen eingriff. Das Attentat auf Hitler im Juli 1944 offenbarte eine entschlossene, aber doch ohnmächtige Bewegung in der Bevölkerung. Die Gegner des Dritten Reiches wurden mit unmenschlicher Brutalität verfolgt. Freiherr von Lüninck aus Ostwig wurde am 12.11.44 an Fleischerhaken, die ihm in Kinn und Rippen gesteckt wurden, aufgehängt. Berichte über solche unmenschlichen Grausamkeiten an Andersdenkenden häuften sich.


Große Teile der Bevölkerung nahmen deshalb die Nachricht vom Generalangriff der Amerikaner und Engländer im Frühjahr 1945 mit gemischten Gefühlen auf. Bahnte sich nun eine Niederlage oder eine Befreiung an? Nachdem der Rhein an mehreren Stellen überschritten wurde, bewegten sich starke Panzerkeile der Amerikaner unaufhaltsam in das Innere Deutschlands. Das Sauerland wurde eingekreist.

Die Besetzung des Amtes Eslohe durch die Amerikaner fand in den Tagen vom 8. bis 10. April 1945 statt. Kaum ein Ort stand während dieser Zeit nicht unter Artilleriebeschuss. Der Widerstand der deutschen Truppenteile war jedoch angesichts der Übermacht der Angreifer schnell gebrochen. Dank vieler besonnener Bürger und Soldaten, welche die Situation richtig einschätzten, ist der Esloher Amtsbezirk noch recht glimpflich davongekommen. Leider waren trotzdem vereinzelte Todesfälle und einige durch Beschuss abgebrannte Hauser zu beklagen.

Deutsche Soldaten mussten ihren Marsch in die Gefangenschaft antreten. Alle Bürger wurden aufgefordert, Waffen, Munition sowie Fotoapparate und Ferngläser abzugeben. Ein striktes Ausgehverbot wurde erlassen. Auf einigen Bauernhöfen wurde Quartier bezogen. Deren Bewohner mussten auf dem Stroh schlafen und ihre Betten zur Verfügung stellen. Ihre Küchen durften sie jedoch benutzen. Auch das Vieh konnte versorgt werden. Die Nachbarschaft half aus und nahm die zwangsweise ihrer Betten beraubten auf.

In den Kellergewölben des Hofes Heymer-Schulte in Sallinghausen waren außer den Erwachsenen und einem verwundeten Soldaten 22 Kinder untergebracht. Doch die Einquartierung von insgesamt 100 Soldaten im Dorfe dauerte nur ganze vier Tage. Erst am 9. Mai 1945, um ein Uhr, trat Waffenruhe ein. Das größte Blutvergießen aller Zeiten, der II. Weltkrieg, nahm sein Ende.

 

Doch bereits während der vier Wochen der Besetzung unserer Heimat bis zum offiziellen Ende des Krieges hatte eine in die Zukunft gerichtete Zeit der Neuorientierung begonnen. Eine zweifelsohne schwierige Zeit: die des Trauerns um zahlreiche Angehörige, des Hoffens auf die glückliche Wiederkehr der noch nicht Heimgekehrten, des Besinnens derer, die ihre leidvolle Erfahrung mit einer unseligen Ideologie gemacht haben. Es ist die Zeit, in der ein neuer Kampf beginnt. Ein Kampf um die heute selbstverständlichsten Dinge des täglichen Lebens: um Essen und Trinken, Kleidung und Unterkunft.

Ferdinand Schulte (1880-1948)
Ferdinand Schulte (1880-1948)

Wie ernsthaft der Wille zur Normalisierung des täglichen Lebens war, zeigt sich aus der Tatsache, dass bereits am 19. April 1945 die Ortsbürgermeister des Amtes im Esloher Amtshaus zusammenfanden. Schon am 11. April hatte das amerikanische Militärgouvernement (7. Panzerabteilung) Ferdinand Schulte zum neuen Amtsbürgermeister bestellt. Dechant Grauheer hatte diesen vorgeschlagen, weil er bereits vor 1933 Bürgermeister gewesen war. Die Amtszeit des Esloher Nazibürgermeisters Hermann Vesper hatte bereits sang- und klanglos sein Ende gefunden.

Schulte erhielt die Weisung, für die Gemeinden und Ortschaften seinerseits örtliche Bürgermeister einzusetzen. Der Sitzungstermin am 19. April diente zur Entgegennahme der Anordnungen der Militärverwaltung sowie neuer Richtlinien zur Verwaltung und vordringlich zur Versorgung des Amtes. Ferdinand Schulte forderte alle Anwesenden dringend auf, ihn in seiner schweren und verantwortungsvollen Arbeit zu unterstützen. Er versicherte, dass alle vom Amt erteilten Sofortmaßnahmen und Forderungen den einzigen Zweck verfolgten, die Ordnung wieder herzustellen und die Versorgung zu sichern. Er selbst habe die Aufgabe, die Verwaltung frei von nationalsozialistischen Ideenvertretern zu machen. Dabei wolle er strenge Sachlichkeit, aber nicht Gehässigkeit zugrunde legen. Die Schulen sollten nie mehr mit religionsfeindlichen Lehrern besetzt und den Geistlichen sollte wieder der gebührende Einfluss eingeräumt werden.

Im Vordergrund der Sorgen standen jedoch die Probleme der Versorgung der Bevölkerung. Schulte appellierte hier ganz besonders an die tatkräftige Mithilfe der Ortsbürgermeister und Bauern.


Dem kommissarischen Gemeindesekretär Wilhelm Ernst wurde dann die weitere Abwicklung der Tagesordnung übertragen. Ernst wirkte in späteren Jahren, zum Esloher Amtsdirektor, ernannt, äußerst segensreich. In der schwierigen Nachkriegszeit hat er sich für den Ort verdient gemacht.

Wilhelm Ernst war Amtsdirektor in Eslohe von 1945 bis 1972
Wilhelm Ernst war Amtsdirektor in Eslohe von 1945 bis 1972


Anordnungen und Verbote

 

Diese demokratische Zusammenkunft war die erste im Kreise Meschede. Während andernorts noch bis zum 8. Mai 1945 gekämpft wurde, war im Amt Eslohe bereits der Anfang eines demokratischen Neuanfangs erfolgt. Der damalige Landrat Ebel spendete deshalb bei seiner ersten Revisionsreise dem Amt Eslohe reichlich Lob.
Die Niederschrift der ersten Zusammenkunft befindet sich heute im Staatsarchiv Münster. In ihr wird Auskunft über die weitere Beratung gegeben. Es wurde die Grundlage festgelegt, wie die öffentliche Ordnung wieder herzustellen und die Bevölkerung zu versorgen sei.

 

Das Ausgehverbot wurde vom 19. April an wieder aufgehoben. Die Bevölkerung hatte von morgens 6.00 Uhr bis abends 20.00 Uhr freien Ausgang. Im Umkreis von 6 km fielen die Ortssperren.


Eine Personenbestandsaufnahme wurde angeordnet, um einen Überblick, über die zu versorgende Bevölkerung zu erhalten. Eine nicht einfache Aufgabe, wie sich später herausstellten würde. Durch den Zuzug vieler Bombenflüchtlinge bzw. Evakuierter aus den Kampfgebieten und dem dann einsetzenden Flüchtlingsstrom aus dem deutschen Osten, veränderten sich die Einwohnerzahlen täglich.
Die Versorgung der Gemeinden mit Hauptnahrungsmitteln sollte zentral erfolgen, um eine gerechte Verteilung sicherzustellen. So wurde zum Leidwesen der Bauern ein allgemeines Schlachtverbot erlassen. Die Erlaubnis zum Verkauf von Fleisch wurde nur den damals in Eslohe ansässigen drei Fleischern erlaubt.


Eine Viehzählung sowie eine Bestandserfassung für Getreide, Kartoffeln und Gemüse wurden angeordnet. Doch um die Vorräte der Bauern stand es nicht zum Besten, da sie bereits schon früher aufgefordert waren, ihre Kontingente abzuliefern. Da nun aber die Versorgung der Bevölkerung, insbesondere der in den Flüchtlings- und Auslandslägern katastrophal war, wurde die Landbevölkerung angewiesen, nun auch das Wenige zu teilen.


Es wurden Sammelstellen von Butter, Milch und Eiern eingerichtet. Dabei wurden verbindliche Preise für die Gemeinden des Amtsbezirks Eslohe festgesetzt.
Alle unbeschäftigten männlichen Einwohner, sowohl einheimische als auch evakuierte mussten ihre Arbeitskraft sofort der Landwirtschaft und den Handwerkern für die Durchführung ihrer Arbeiten zur Verfügung stellen.

 

Äußere Schäden beseitigen


Bereits wenige Tage nach dem Einmarsch der Amerikaner wurde mit den Aufräumungsarbeiten begonnen. In Sallinghausen wurde ein Bombentrichter aufgefüllt, wozu alleine 120 Pferdekarren mit Erdreich benötigt wurden. Vierzehn Tage lang verbrachten die Dorfbewohner mit Arbeit, um die plattgewalzten und zerfetzten Zäune wieder in Stand zu setzten. Schließlich stand der Weideaustrieb kurz bevor. Andernorts, wo einzelne Gebäude beim Beschuss in Brand geraten waren, wurden soweit möglich, die notwendigsten Arbeiten durchgeführt. Die Beschaffung von Baumaterial war schwierig. So hat es Jahre gedauert, bis die letzten Schäden behoben waren. In Sallinghausen konnte erst 1949 die im Jahre 1857 erbaute wunderschöne Bogenbrücke wegen Baufälligkeit abgerissen und neu errichtet werden. Die gepanzerten Fahrzeuge hatten nicht mehr reparable Schäden hinterlassen.

Mit Hand- u. Spanndiensten wird die beschädigte Brücke abgerissen.
Mit Hand- u. Spanndiensten wird die beschädigte Brücke abgerissen.

Sicherheit und Ordnung

 

Da die Militärbehörde eine bewaffnete Polizei verbot, wurden Ehrenamtliche für den freiwilligen Polizeidienst gesucht. Nicht jedes Dorf hatte eine ständige Besatzung, wurde aber laufend von Militärstreifen der Esloher Besatzungstruppen überwacht. Dieses wurde von den meisten Dorfbewohnern als Schutz empfunden, insbesondere vor den russischen Fremdarbeitern. Zusammenstöße zwischen amerikanischen bzw. englischen Soldaten und der Bevölkerung sind nicht bekannt. Dagegen war das Verhalten der russischen und polnischen Fremdarbeiter nicht als gut zu bezeichnen. Sie plünderten und nahmen mit, was sie nur habhaft werden konnten. In Sallinghausen und andernorts nahmen die Hühnerbestände rapide ab. Bereits in der Nacht vorn 10. auf den 11.4. wurde auf dem Hof Heymer-Schulte in Sallinghausen die Räucherkammer aufgebrochen und alles Fleisch gestohlen. Im Laufe des Sommers wurden mehrere Rinder über Nacht von der Weide abgeschlachtet. Die Überreste, die meistens noch sehr bedeutend waren, fanden sich Tage später im Walde.

Die Anwesenheit einer großen Anzahl von Ausländern verschiedenster Nationalitäten wurde zu einem großen Problem. Diese standen unter dem Schutz der alliierten Militärbehörde und konnten auch nicht zur Arbeit gezwungen werden. Gleichwohl war man verpflichtet, sie unterzubringen und zu verpflegen. Die Abschiebung der Ausländer war deshalb auch vorrangiges Ziel um die öffentliche Ordnung und auch die Verpflegung der Bevölkerung sicherzustellen. Die Franzosen waren die ersten, die in ihre Heimat abtransportiert wurden. Russen, Polen und Ukrainer folgten erst später, so dass vorerst für Unterkunft gesorgt werden musste.
Die Zivilpolen wurden Anfang Juni in der Esloher Schützenhalle untergebracht. Doch bereits wenige Wochen später wurden sie nach Haus Wenne verlegt, wo vorher belgische Zivilarbeiter aufgenommen waren. Während dieser Zeit wurden auf Haus Wenne, Sitz der Familie von Weichs, große Werte wahllos zerstört. Baron Clemens von Weichs musste notgedrungen mit seiner Familie in den Hühnerstall flüchten. Jahre hat es gedauert, bis das herrschaftliche Haupthaus des Freiherrn wieder bewohnbar wurde.

Polnische Soldaten wurden aus der ganzen Gegend auf Poggels Hof in Niedereslohe zusammengezogen. Die Familie Poggel suchte indessen Schutz und Unterkunft in der Nachbarschaft, bis ein Behelfsheim im Garten des Gehöfts eingerichtet war.
Die Russen lagen auf dem Esloher Bahnhof in den Wartesälen, dem Güterschuppen, den Diensträumen und Aufenthaltsräumen der Rottenarbeiter. Ende September wurden diese Lager aufgehoben und die Fremden in ihre Heimat transportiert.

 

Ein Kommen und Gehen


Schon nach wenigen Wochen zog ein Strom von deutschen Rückwanderern, besonders vom Osten herkommend in Richtung Rheinland, durch das Amt Eslohe. Sie wurden auf den Höfen aufgenommen, bekamen zu essen, blieben meist nur eine Nacht und setzten ihren Heimweg fort. Trotz zerbombter Städte wollte jeder so schnell wie möglich in seine Heimat. Mit Kinderwagen, Handwagen, ausrangierten Personenwagen vor die man Pferde spannte, ja selbst mit Wagen, die man aus Vorderpflügen zusammengestellt hatte, versuchte mancher, seine letzte Habe wieder nach Hause zu bringen. Aber auch aus den Städten hinaus aufs Land drängte sich eine ausgehungerte Menschenmenge um mit Tauschgut Nahrungsmittel zu erwerben.


Nach und nach setzte die Rückkehr der Kriegsgefangenen ein. Zerlumpt, von Krankheit und Schwäche gezeichnet, trafen sie nach ihrer Entlassung in der Heimat ein. Manche Mutter hat vergeblich auf ihren Sohn gewartet.
Unsere Heimat glich in diesen Wochen einem Ameisenhaufen. Ein ständiges Hin und Her von durchziehenden, reisenden Menschen. Menschen auf der Suche nach Heimat, Nahrung, Kleidung, Angehörigen, Zukunft.

Sehnsucht nach Normalität

 

Der Drang nach der Wiederherstellung der Normalität war übermächtig, die Sehnsucht nach besseren Lebensbedingungen machte Kräfte frei, stellte eine nie vorher gekannte Aufbruchsstimmung her und weckte Lebenslust und Energie.
So ist es verständlich, dass nach diesem Alptraum des Krieges und seiner unsäglichen Leiden, vieles schnell wieder im täglichen Leben Einzug hielt, was vorher Bestand war und das Leben lebenswert gestaltet hatte. Dazu gehörte Feiern und Tanzen und auch der uns Deutschen so eigene Drang nach Vereinsarbeit.

 

Allmählich fanden sich Vereinskameraden zusammen und planten, glücklich ob der überstandenen Leiden des Krieges, das Wiederaufleben ihrer Vereine. Diesen war während des "Tausendjährigen Reiches" Unterschiedliches widerfahren, je nach Interessenlage der NSDAP verboten oder gefördert. Doch während des Krieges waren jegliche Aktivitäten erloschen.

 

Auch der Ballspiel-Club Eslohe stand während des Krieges nur auf dem Papier, trug aber seit 1938 den bezeichnenden Namen „Verein für Leibesübungen 1918 e.V. Eslohe". "Trotz Wiederaufbau und Jagd auf Kalorien fanden sich schon bald wieder Fußball-begeisterte, die den König Fußball in Eslohe wieder aus der Taufe hoben." So erinnert sich ein Chronist in der Gedenkschrift 1993 zum 75-jährigen Begehen des BCE an die wohl erste Vereinsbelebung im Ort, die schon am 29. September 1945 stattfand. 37 Mitglieder, meist alte Recken, die bereits zwischen den Kriegen dabei gewesen waren und denen sich nun junge Sportbegeisterte anschlossen, wählten vorerst einen Arbeitsausschuss, dessen Vorsitzender Wilhelm Schulte wurde. Die Esloher Kicker bestritten anfänglich Spiele gegen die englischen Foresters und verschafften sich ordentlich Kondition, so dass sie bereits im ersten Jahr zur einzigen Sauerland-Bezirksklasse aufstiegen. Sportlicher Ehrgeiz, Frohsinn und Gesang, aber auch oft ein knurrender Magen begleiteten die Spieler auf ihren teils weiten Fahrten auf harten Holzbänken eines Holzvergaser-Autos.

 

Besonders gute Gründe hatten auch die Esloher Kolpingbrüder, ihren Verein bereits am 11. Oktober 1945 wieder aufleben zu lassen. Ihr „Kath. Gesellenverein Eslohe", im Oktober 1928 gegründet, wurde bereits 1933, kurz nach Hitlers Machtübernahme als staatsgefährdend eingestuft. Am Tag nach dem Esloher Schützenfest wurde die Kolpingkasse bei Kassierer Josef Quinkert von den Nazis kurzerhand beschlagnahmt. Doch die eifrigen Braunen waren wohl über ihr Ziel hinausgeschossen, denn bald darauf wurde die Kasse zurückgegeben, mit einem Zehner mehr als vorher. Doch die Mitglieder sahen sich weiterhin einigen Repressionen ausgesetzt. Sie wurden öffentlich aufgefordert, durch Unterschrift ihren Austritt aus dem Gesellenverein zu erklären. Nur wenige Mitglieder fanden den Mut, die Unterschrift zu verweigern. Als Bibelstunden getarnt wurden noch alle vier Wochen sonntags heimliche Treffen veranstaltet. Die Vereinsfahne und alle schriftlichen Unterlagen wurden in den Gewölben oberhalb des Kirchenhodens sicher versteckt.

Diese wurden nun wieder hervorgeholt, nachdem 40 Mitglieder ihren Beitritt zur „Kolpingfamilie Eslohe" erklärten. Dabei fanden sich zum Erstaunen der Altmitglieder auch solche Personen ein, die dem Verein bislang argwöhnisch begegnet waren. Der seit Vereinsgründung als Senior amtierende Josef Weber sollte nach dem Willen der Mitglieder nun als Altsenior fungieren. Sein Nachfolger wurde Josef Spork, zum Präses ernannte man Vikar Starke. Sein Vorgänger im Amt, Rektor Todt, war Weihnachten 1944 in russischer Kriegsgefangenschaft gestorben.

 

Aufbruchsstimmung ist die richtige Bezeichnung für die ehrgeizigen Pläne der Esloher Kolpingbrüder. Bereits im September 1947 wurde mit den Ausschachtungsarbeiten zum Bau des Jugendheimes begonnen. Der Mangel an Baumaterial und ein chronischer Geldmangel verzögerte jedoch die Fertigstellung. Erst fünf Jahre später, im September 1952, konnte das Gebäude seiner Bestimmung mit Musik, Tanz und überschwänglicher Freude übergeben werden. Die Esloher Kolpingfamilie war mit Recht stolz auf ihre Leistungen in dieser schweren Aufbauzeit.


Überhaupt scheinen die Menschen in dieser schweren Zeit ihre Lebensphilosophie auf „unbedingten Optimismus" eingestellt zu haben, frei nach den Worten Adolph Kolpings:
„Wenn es Menschen gibt, die gegen Lebensfreude überhaupt eifern, die alles in einen düsteren Sack voll Asche stecken möchten, denen das Jammertal der Erde noch nicht jämmerlich genug er scheint, so tut gerade niemandem die Freude mehr not als ihnen, um wieder Menschen unter Menschen zu werden."

 

Frohsinn und Heiterkeit waren immer die Devise der Esloher Schützen, so wie auch andernorts die Schützenvereine Garant für gesellige Feste traditionsgemäß sind. So ist es bezeichnend, dass das erste Schützenfest in Eslohe auf Peter und Paul 1948 gefeiert wurde. Wenige Tage zuvor, bei der Währungsreform am 20. Juni 1948, erhielt jeder Bürger ein Startkapital von 40 Deutsche Mark. Da alle Feuerwaffen von der Militärregierung verboten wurden, wurden die Schützenvögel ersatzweise oft mit Keulen abgeworfen. Die Esloher entschieden sich jedoch für die Armbrust, bis ab 1950 mit Kleinkaliber und danach wieder mit Karabiner auf den begehrten Vogel geschossen wurde. Eberhard Schulte war 1948 der erste Schützenkönig in Eslohe nach dem Kriege. 1939 war das letzte Fest gefeiert worden.


Ein besonderer Blickpunkt der Schützenzüge vor dem zweiten Weltkrieg waren die Reiter des Esloher Zucht-, Reit- und Fahrvereins, der 1927 vom Reitsport begeisterten Landwirten aus Eslohe und der näheren Umgebung gegründet worden war. Ihre zahlreichen Vereinsaktivitäten in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen bestritten sie ausnahmslos mit ihren Arbeitspferden, die fast täglich vor Wagen und Pflug gespannt waren. Kurze Zeit nach der Machtergreifung Hitlers im Jahre 1933 erfolgte die Umwandlung aller Reitervereine in sog. „SA-Reiterstürme". So wurden auch die Esloher Reiter mit ihren blankgeputzten Vierbeinern zu Vorzeigeobjekten deutscher Reiterkunst degradiert und für Parteizwecke und Propaganda der NSDAP missbraucht.  Während des Krieges erloschen die Vereinsaktivitäten gänzlich. Reiter und Pferde wurden kriegswichtigen Aufgaben zugeführt. Einige gaben ihr Leben dafür.
Durch Mithilfe eines ehemaligen Majors mit Pferdeverstand namens Hagen, welcher in Fehrenbracht seinen Wohnsitz hatte, konstituierte sich nach Kriegsende erneut der Verein. Franz Koch aus Eslohe, der bereits seit 1927 als aktiver Reiter im Verein war, übernahm den Vorsitz. Hagen wurde als Reitlehrer verpflichtet.
Bereits 1948 wurden Reitturniere abgehalten, u.a. als Gäste beim Turnier in Hellefeld. Die letzte Turnierveranstaltung des Jahres wurde von den Eslohern nach fünfzehnjähriger Pause auf dem altbewährten Turnierplatz in Sallinghausen ausgerichtet. 
In den folgenden Jahren ließen die Vereinsaktivitäten nach. . Die Bauernreiterei musste sich bereits nach wenigen Jahren verabschieden.

 

Hier berichte ich ausführlich über die Geschichte dieses Vereins.

 

Die Nachkriegszeit brachte in vielen gesellschaftlichen Bereichen Veränderungen mit sich. Vieles was gut und brauchbar war, sollte auch bei einem Neubeginn Übernahme finden. Vieles ist jedoch in diesen Jahren unbeachtet geblieben. Zu sehr waren die Menschen mit der Zukunft beschäftigt, haben ihre Vergangenheit verdrängt. Doch die Gesellschaft sollte die Fähigkeit besitzen, Erinnerungen wach zu halten, sich zurück zu besinnen und Nutzen aus vergangenen Erfahrungen zu ziehen. Was ihr gut und nützlich erscheint oder was überflüssig und unheilvoll für sie ist, zu erkennen.

Der Verfasser dieser Zeilen stimmt deshalb den Äußerungen Goethes nicht zu, der gesagt haben soll: „Geschichte schreiben ist eine Art, sich die Vergangenheit vorn Halse zu schaffen."

 

 

Hinweise zum Thema

 

Mein Bericht erschien im gleichnamigen Buch, welches 1995 vom Westfälischen Schieferbergbau- und Heimatmuseum  Schmallenberg- Holthausen herausgegeben wurde. Es handelt von den Jahren des Wiederaufbaus und Neubeginns im Sauerland. 

 

Meine Mutter Gisela Feldmann war eine Zeitzeugin und hat ihre Erinnerungen an diese schwierige Zeit zu Papier gebracht.

Hier kannst Du ihre Aufzeichnungen lesen!



Fünfzehn Liter Friedensbier

Otto Feldmann um 1945
Otto Feldmann um 1945

Nach Ende des zweiten Weltkrieges hat sich in der Bevölkerung bald eine intensive Aufbruchstimmung gezeigt. Ein unbedingter Wille, die Zukunft besser zu gestalten und die Schrecken und Leiden der vergangenen Jahre hinter sich zu lassen. Vergessen? Nein, sicher nicht. Die Menschen waren traumatisiert und ein Jeder hatte mit seinen Erinnerungen zu kämpfen. Wohl jeder auf seine Weise. Und die unter ihnen, die im Felde oder in Gefangenschaft waren oder in nicht gezählten Nächten im feindlichen Bombenhagel Schutz in den Kellergewölben ihrer Häuser suchten, haben diese Erlebnisse nie wirklich verarbeitet. Diese Menschen hatten sich verändert. Und doch, oder gerade wegen des Vergessens und Ablenkens von düsteren Gedanken,  hatten sie nun ein Verlangen: Wieder einmal ausgelassen und mit Freude feiern, Spaß erleben.

 

Das Leben feiern, endlich wieder! 

 

Die Erzählungen meiner Eltern betrafen  oft und immer wieder diese Nachkriegszeit, die Zeit unmittelbar nach der Kapitulation. Und sie berichteten von den kleinen Freuden, die sie erlebten und genießen konnten: Ein Stück Schokolade, eine Tasse "echten" Bohnenkaffee, ein Glas Bier oder Wein., ausgelassen feiern mit Freunden und Nachbarn, tanzen, Musik im Radio hören, einen Film im Kino sehen, gemeinsame Ausflüge unter Freunden.  Es waren die einfachen Dinge, die geschätzt wurden in dieser Zeit, war doch auch noch das Angebot begrenzt. 

 

Mein Vater Otto Feldmann hat damals zur  Sylvesterfeier 1946, die die Sallinghauser Jugend im Dorf veranstaltete, ein kleines Gedicht verfasst . Es handelt von den langen Vorbereitungen um für dieses besondere Ereignis  ein alkoholisches Gesäuf zu kreieren. "Friedensbier" tauften die jungen Leute bezeichnenderweise das Getränk. Der Jahreswechsel ging in die Ortsgeschichte ein und wurde von allen Beteiligten noch Jahre später immer wieder zum Besten gegeben. Hier stelle ich nun die Reime meines Vaters zum Gedenken an diese Sylvesterfeier kurz nach Ende des Krieges vor: 

Fünfzehn Liter Friedensbier,
ja das haben wir nun hier,
heute an des Jahres Wende,
reichen wir uns all die Hände,
alle werdet ihr genommen,
die ihr seid zu uns gekommen.

 

Anton, Friedhelm, Gisela,
alle sind nun endlich da.
Ganz egal, wer ihr nun seit,
für alle sind wir hier bereit.
Und nun stoßet an mit mir
mit dem guten Friedensbier.

 

Nun wohl nach des Krieges Mitte,
habt ihr alle eine Bitte.
Und ihr wollet alle wissen,
wie kommt ihr zu diesem Bissen.
Nun, dann höret einmal zu,
erzählen will ich’s Euch in Ruh.

 

Wohl zehn Tage sind es schon,
dass ich ging zum Telefon,
denn der Poggels Waldemar
war sich schon der Sache klar.
Ich erzählt es dann den andern,
und wir mussten nun ans wandern.

 

 

 


Das Friedensbier zeigt seine Wirkung
Das Friedensbier zeigt seine Wirkung

Friedhelm, nimmst ne Karre du

und geh dann dem Bahnhof zu.
Bier zu holen aus dem Fass.
Hohmann sprach doch, was ist das?
Du willst Bier in großer Kanne,
das ist für mich eine Panne.

 

Friedhelm denkt, Du kannst mich mal,
noch ein Wirt ist dort im Tal.
Und der August freut sich sehr,
Friedhelms Kanne war mal leer.

Und das Dünnbier war zur Stelle,
doch der Zucker fehlte, helle!


Und ihr könnt mir s ruhig glauben
willst du nicht, dann muss ich rauben.
Stehlen gibt es nicht ihr Leute,
das nennt man dann eben Beute.

 

Hefe, ja die muss auch rein,
sonst wird unser Bier nicht fein.
Ja, die haben wir auch gekriegt,
wo ? Darüber spricht man nicht.

Alles hatten wir zusammen,
dran ging’s nun mit Gottes Namen.


Erst den Zucker aufgelöst,
dann die Hefe eingeflößt.
Und so ging es dann im Nu,
alles schnell den Flaschen zu. 


Sallinghauser Nachkriegsjugend
Sallinghauser Nachkriegsjugend

Anton leckt schon mit Vergnügen,

dieses Bier in langen Zügen,
doch ich muss zurück ihn halten,
denn da muss doch Ordnung walten.
Friedhelm sagt, sich auch schon labend:
Das ist für Sylvester-Abend!

 

Dann hintern Ofen ein paar Tage.
Warum? – Das ist die zweite Frage.

Seht, das Bier muss doch noch gären,
die Prozente sich vermehren.
Und die beiden kommen jetzt
jeden Tag herein gewetzt.

 

Friedhelm war die Kehle trocken
und der Anton ging stets hocken,
um zu riechen auf das Bier,
welches wir nun haben hier.

 

Doch nun hoch die Gläser all,
denken wollen wir einmal,
an die lieben guten Brüder,
die zum Feinde sind hinüber.
Mögen sie es überstehen
und wir sie dann mal wiedersehen,
um dann in froher Runde
hören aus erfahrenem Munde:


Mensch, nun kommt mal alle hier,
was habt ihr doch gutes Bier!


Wanderung nach Klosterbrunnen
Wanderung nach Klosterbrunnen