Einmal im Jahr


Wir feiern heute Schützenfest

Ist Sallinghausen, unser Dorf,  auch klein und überschaubar, so ist dennoch jeder Tag nicht dazu bestimmt, einem Nachbarn die Aufwartung zu machen und ein Gespräch miteinander zu führen, oder gar gut gelaunt gemeinsam eine Flasche Gerstensaft zu trinken. Die Gelegenheit findet sich oft unwillkürlich und nicht geplant. Es ist dem Zufall überlassen. Das gilt in der Winterzeit umso mehr, denn man geht im Dunkeln frühmorgens aus dem Haus und kommt ebenso ungesehen wieder von der Arbeit heim. Kein Wirtshaus bereichert in Sallinghausen das Dorfleben als ständig bereiten Treffpunkt. Und so bleiben die privaten Jubiläen, wie runde Geburtstage, Polterabende oder Silber- und Goldhochzeiten, aber auch das Begräbnis eines Nachbarn die seltenen Gelegenheiten. Froh ist man deshalb, wenn einige Bewohner dann wieder einmal den Anstoß geben, einen Termin für ein Nachbarschaftsfest im Dorf abzusprechen.

Gerne erinnere ich mich: Zu Beginn der sechziger Jahre hatte die wachsende Kinderschar im Dorf den Anlass gegeben, Dorffest in Form eines Kinder-schützenfestes zu feiern. Das hatte es in den dreißiger Jahren schon einmal gegeben, in der Zeit wo unsere Väter jung waren. Da schossen die Burschen noch mit einer Armbrust den Vogel von der Stange. Unsere Nach- barin Gertrud Heymer hatte die Idee, die Tradition des Kinder-schützenfestes aufleben zu lassen. Nun waren wieder einige Kinder im Dorf, die ihren Spaß daran haben konnten. Gertrud war damals Betreuerin im Esloher Kindergarten. Gemein- sam mit einer Kollegin sprach sie sich mit unseren Eltern ab und fanden Zuspruch. Und so bereit- eten sie für uns Dorfkinder erstmals im Jahre 1964 ein Kinderschützen fest vor, was in den folgenden Jahren zu einer ständigen Einrichtung werden sollte. Auch wenn es nach heutigen Maßstäben sehr einfach und unspektakulär war, einige Vorarbeiten waren dennoch nötig. Gertrud schneiderte Schärpen und faltete grüne Papphütchen mit einer bunten Feder für die Burschen. Ein goldenes Krönchen sollte die erwählte Königin schmücken. Wimpel durften im Schützenzug auch nicht fehlen. Und die alte Schützenfahne aus den Dreißigern fand sich gut aufbewahrt wieder. Auch die Armbrust war noch da, blieb aber weiter in sicherer Obhut.

An einem Sonntag im Sommer 1964:


Am Nachmittag trafen sich an der Kapelle inmitten des Dorfes alle Kinder und die Eltern. Bei strahlendem Sonnenschein wurde Aufstellung genommen. Fuchs Heinz trug stolz den Vogel auf der Stange voran, gefolgt von der Schar der Nachbarkinder, Mädchen und Jungen einträchtig vereint. Begleitet vom Klang einer Gitarre sangen wir damals allseits bekannte Liedchen, wie „Wir feiern heute Schützenfest“, „Die Vogelhochzeit“, „Alle Vögel sind schon da“, „Horch was kommt von draußen rein“ u.v.m.


So ging es durchs Dorf, an unserem Hof vorbei, hin zu Heymers Wiese am Dorfende liegend, die nun zur Festwiese wurde. Damals standen dort noch zwei schattenspendende Bäume, unter denen man trefflich feiern konnte. Im gebührenden Abstand beobachteten die Eltern das Geschehen, doch schon bald nahmen auch sie Platz auf den bereitgestellten Bänken. Die Väter bestiegen jedoch lieber den hölzernen Erntewagen, wo sie ungestört von Frauen und Kindern die Bierflaschen öffnen und leeren konnten. Den Müttern aber war es vorbehalten, für das leibliche Wohl der Kinderschar zu sorgen. Diese Arbeitsteilung war damals unwidersprochen und ist heute so nicht mehr denkbar. Die Gleichstellung von Mann und Frau hat in den Nachkriegsgenerationen bei der Verteilung der Elternpflichten offensichtlich doch Fortschritte gemacht.
War es den Mädchen in späteren Jahren ebenso vergönnt um die Königswürde zu streiten, so war es damals nur uns Burschen vorbehalten, den Vogel von der Stange zu holen. Die Mädchen schauten während dessen uns Streithähnen mehr oder weniger interessiert zu. Mit großem Jubel wurde der erste Nachkriegskönig gekürt.

 

Rolf Schulte hatte den richtigen Treffer, wurde mit bunter Schärpe und Königskette geschmückt und durfte sich Elisabeth Nolte zur Königin nehmen. Bereitwillig wagten die beiden ein Tänzchen unter den juchenden Bemerkungen der Jungen. Auf ging es zum zweiten Umzug, bei dem ich - mit neun Jahren damals der älteste Junge im Dorf – als Fahnenträger den Festzug anführte. Erinnerungswert war für mich aber die köstliche Bananenmilch, die gut gekühlt aus großen Milchkannen ausgeschenkt wurde und uns Kindern zusammen mit leckerem Gebäck großen Genuss bereitete.


In der weiteren Festfolge standen heitere Spielereien auf dem Programm, an denen sich nach und nach auch die bierseligen Erwachsenen beteiligten. Ihnen war spöttisches Gelächter, aber auch der Beifall aller sicher. Es waren Geschicklichkeitsspiele, wie Sackhüpfen, Eierlaufen, Topfschlagen, Hindernisläufe und Ballwurfspiele, die Kindern und Erwachsenen an diesem Nachmittag gleichermaßen Spaß bereiteten und Gelegenheit zum ausgelassenen Frohsinn gaben.

 

Schon bald fand dieser Tag ein Ende. Die Väter mussten das Vieh zum Melken in den Stall treiben und die Mütter ermahnten die Kinder zum Aufbruch, nicht ohne vorher die Festwiese ein wenig in Ordnung zu bringen. Dieser Tag ist aber einigen Dorfbewohnern im Gedächtnis geblieben. Dies war für unser Dorf kein Tag wie andere. Er war besonders, denn er war der Beginn einer Reihe von vielen nachfolgenden Kinderschützenfesten. Später feierten wir diesen Tag als „Dorffest“, Feste, die später nicht alle in dieser positiven Weise denkwürdig blieben.



Die Königskette ist Zeuge der vergangenen Jahre!

Fast martialisch unterwegs: Sallinghauser Kinder im Schützenzug 1992
Fast martialisch unterwegs: Sallinghauser Kinder im Schützenzug 1992

 

Schwer ist sie mittlerweile geworden, die Sallinghauser Königskette.  Seit 1964 die ersten beiden Namen des ersten Königspaares Rolf Schulte und Elisabeth Nolte (+) in eine schmucklose Metallscheibe  eingraviert wurden, hat mittlerweile ein neu gekürter Schützenkönig schwer an einer über die Jahre "gewachsenen" Königskette zu tragen.  In den Jahren kamen immerhin vierzig weitere Scheiben hinzu, die Zeugnis geben von den Feiern etlicher Kinderschützenfeste.

Die eingravierten Namen betreffen Jungen und Mädchen im Dorf, die zwei Nachkriegsgenerationen angehören. Die dritte Generation beginnt noch zaghaft. Doch sie werden geboren werden, die Jungen und Mädchen, um später wie ihre Eltern und Großeltern das jährliche Dorfereignis "Kinderschützenfest" zu erleben. Bis dahin begnügen wir uns alle mit dem Begriff "Dorffest", welches in diesem Jahre (2018) erstmals auf "Heymers Wieseken" bei strahlendem Sonnenschein begangen wurde. Auch jetzt wurde ein (diesmal hölzerner) Vogel durch die "jungen Erwachsenen" von der Stange geholt, denn an Kindern mangelt es derzeit noch hier im Dorfe.

Der glückliche "Schütze" war diesmal Elias Feldmann (mein Jüngster). Er nahm seine Freundin Sarah Nagel zur Königin. Und so ging wieder einmal zur allgemeinen Erheiterung ein Festzug durch das Dorf, voran das Königspaar auf einem vom Esel namens "Einstein" gezogenen Gig. Mögen noch viele unbeschwerte Dorf- und Kinderschützenfeste zukünftig zum Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft in Sallinghausen beitragen.

Die Sallinghauser Königskette (Stand: 2018)
Die Sallinghauser Königskette (Stand: 2018)
Das Königspaar 2018: Elias Feldmann u. Sarah Nagel
Das Königspaar 2018: Elias Feldmann u. Sarah Nagel

Legende der Königspaare (seit 1964 bis heute):

 

1964: Rolf Schulte & Elisabeth Nolte

1965: Heinz Fuchs & Kornelia Schulte

1966: Gerhard Schulte & Hedwig Mathweis

1967: Michael Feldmann & Margareta Nolte

1968: Heinz Fuchs & Wilhelma Sapp

1969: Helmut Schulte & Elisabeth Nolte

1970: Bernhard Sapp & Christa Fuchs

1971: Martin Sapp & Marlies Baust

1972: Norbert Baust & Elisabeth Mathweis

1973: Thomas Schulte & Ursula Mathweis

1974: Rudolf Mathweis & Claudia Schulte

1975: Meinolf Baust & Christiane Sapp

1976: Hubertus Mathweis & Stefanie Klinkert

1977: Dietmar Otte & Monika Klinkert

1978: Dietrich Mathweis & Claudia Schulte

1979: Stefan Schulte & Elisabeth Schulte

1980: Peter Schulte & Stefanie Klinkert

 

Erstmals wurde zugelassen, dass auch Mädchen sich am Vogelschießen beteiligten. Es fehlten schlichtweg Burschen, die dazu bereit waren. 

 

1981: Stefanie Klinkert & Christian Otte

1982: Christian Otte & Verena Strathaus

1983: Dierk Schulte & Claudia Schulte

1984: Verena Strathaus & Mathias Klinkert

 

In den folgenden Jahren wurde "mangels vorhandener Bewerber" kein Vogelschießen veranstaltet. Eine neue Generation trat 1991 an:

 

1991: Carina Fuchs & Dominik Schauerte

1992: Stefan Fuchs & Ricarda Feldmann

1993:Barnet Schauerte & Jennifer Rütering

1994:Ricarda Feldmann & Markus Feldmann

1995: Simon Schulte & Petra  Schulte

1996: Barnet Schauerte & Ronja Seidel

1997: Frank Schulte & Ronja Seidel

1998: Charlotte Sapp & Marius Rütering

1999: Katharina Nieswand & Frederik Sapp

2000: Anna Schulte & Frederik Sapp

2001: Janine Schulte & Florian Baust

2002: Florian Baust & Anna Schulte

2003: Justus Sapp & Paulina Sapp

2004: nicht bekannt!

2005: Joan Nieswand & Clara Mathweis 

2006: Paulina Sapp & Marcel Baust

2007: Christopher Baust & Clara Mathweis

2008: Ramon Lüttecke & Lucia Mathweis

2009: Karsten Schulte & Clara Mathweis

2010: Nils Sasse & Jana Tesche

In der Folge wurde kein Kinderschützenfest begangen. Die Situation im Dorf wiederholt sich. Es sind keine Kinder mehr da, die auf den Vogel schießen. 

 

Zwischenzeitlich war die Königskette nicht mehr auffindbar bis sie  eines Tages wieder auftauchte. Jetzt wollen wir sie in Ehren halten und hoffen, dass sie in den nächsten Jahren mit neuen Namen ergänzt und erweitert werden kann.