Knecht und Magd: Berufe, die es nicht mehr gibt


In Zeiten, als die Industrialisierung hierzulande noch keine bedeutende Rolle spielte, bescheidenes Handwerk in jedem kleinen Ort anzutreffen war und der größte Teil der Bevölkerung auf dem Lande lebte, hatte die Landwirtschaft als Erwerbszweig die größte Bedeutung. Harte, entbehrungsreiche Arbeit war vorrangig im Leben der der meisten Menschen. Ein gewisses Maß an Wahlmöglichkeit genossen die Stadtbewohner. Sie stellten aber nur eine Minderheit der Gesamtbevölkerung dar. Die große Mehrheit waren Bauern mit ihren Familien auf dem Land, deren Alltag von den Jahreszeiten und den Witterungseinflüssen bestimmt war. Es war auch die Blütezeit eines Berufsstandes, den es heute nicht mehr gibt: Knechte und Mägde.

Bezeichnend für einen gelebten Familienanschluss:  Familienfoto mit den Bediensteten auf dem Hof Heymer, links Onkel Hannes, der als "Tippelbruder" aus Düsseldorf hier als Landarbeiter gestrandet war.
Bezeichnend für einen gelebten Familienanschluss: Familienfoto mit den Bediensteten auf dem Hof Heymer, links Onkel Hannes, der als "Tippelbruder" aus Düsseldorf hier als Landarbeiter gestrandet war.

Ohne den Einsatz dieser Menschen wäre die Bewirtschaftung eines Hofes undenkbar gewesen. Die mangelnde Mechanisierung in der damaligen Landwirtschaft und die vielfältigen Aufgaben auf dem Hof machten den Einsatz fremder Arbeitskraft unentbehrlich. Für den überwiegenden Teil der Landbevölkerung bot sich die Beschäftigung auf den Höfen als einzige Alternative dar. Geringe Bildungschancen sowie die Not und Armut der meist kinderreichen Kötter- und Heuerlingsfamilien führten dazu, dass die heranwachsenden Kinder schon sehr früh ihr Brot beim Bauern verdienen mussten. Nachgeborene Söhne und Töchter auf dem Hof blieben dort als Knecht oder Magd ein Leben lang in Diensten. Viele verheirateten sich nicht, sondern blieben als „Ohm" oder „Tante", deren Erbteil nach ihrem Tode an den Hof zurückfiel. Knechte und Mägde bildeten gemeinsam mit der bäuerlichen Familie eine eingeschworene Lebensgemeinschaft. Die gegenseitige Abhängigkeit führte zu einer Verbundenheit, die im heutigen Arbeitsleben nur noch selten zu finden ist. Ein Denken, auf den Vorteil des Hofes gerichtet, war selbstverständlich. Ging es dem Hof gut, profitierten auch sie davon. Traf den Hof jedoch Unglück durch Missernte, Krankheit, Brand- oder Sturmschaden, so waren sie es, die auf ihren gerechten Lohn warten mussten. Manches, was damals auf den Höfen geschah, würden wir heute als Ausbeutung bezeichnen. Doch die Menschen wurden bereits in jungen Jahren an harte Arbeit gewöhnt. So gehörte es zur Tätigkeit einer Magd, den Stall zu misten und in der Erntezeit schwere Feldarbeit zu verrichten. Wenn die Witterung es verlangte, kannte das Tagwerk kein Ende. Trotzdem erlebten sie ein zufriedenes Dasein in einer ländlichen Dorfgemeinschaft, aus der sie nicht wegzudenken waren. Ein Dach über dem Kopf, eine einfache aber kräftigende Kost am gemeinsamen Tisch, ihr ganzes Hab und Gut in einem Koffer oder in einer Truhe aufbewahrt, am Martinstag die Zahlung eines bescheidenen Lohnes für das vergangenen Jahr; damit begnügten sie sich oft ein Leben lang.

Johannes und Elisabeth Bornemann waren unverheiratete Geschwister auf Nurks Hof (Foto um 1870). Sie lebten und arbeiteten hier als Knecht und Magd.
Johannes und Elisabeth Bornemann waren unverheiratete Geschwister auf Nurks Hof (Foto um 1870). Sie lebten und arbeiteten hier als Knecht und Magd.

In einer Zeit, wo es weder Sozialversicherung noch Krankenkasse gab, oblag jedoch auch der bäuerlichen Familie die soziale Obhut gegenüber dem Gesinde. Erkrankte ein Knecht oder eine Magd, so erhielten sie fürsorgliche Pflege durch die Familie. Die, die ein Leben lang einem Hof zu Diensten waren, beschlossen nicht selten dort auch ihr Leben. Dadurch entstanden enge menschliche Bindungen, die sehr oft auch nach Beendigung eines Dienstverhältnisses noch jahrelang standhielten. Die Löhne der Arbeiter wurden damals zu einem großen Teil in Naturalien bezahlt. Der Knecht bekam Stiefel und Hemden neben seinem Lohn, die Magd Leinen und Schuhe. Oft wurde vom Hof ein kleines Stück Land zur Verfügung gestellt. Darauf konnte der Knecht seine Milchziege halten oder ein paar Schweine mästen, von denen er die Schinken verkaufte und nur die Speckseiten für sich behielt.

Feste Anstellungsverträge waren selten, tariflich festgelegte Lohnangleichungen, Urlaubsvereinbarungen oder ähnliche Selbstverständlichkeiten im heutigen Arbeitsleben waren nicht üblich. Löhne und Arbeitsbedingungen waren deshalb auch nicht überall gleich. Nach alten Berichten erhielt in der Zeit von 1840 bis 1860 auf größeren Höfen des Kreises Meschede der Großknecht 30 Taler jährlich, der Pferdeknecht 15 Taler, daneben zwei Paar Schuhe, die Mägde erhielten 6 Taler nebst zwei Paar Schuhen und einem Stück (30 Ellen) Leinen, die Tagelöhner 7 1/2 Silbergroschen pro Tag und ihr Mittagessen. Als Wertmaßstab kann der Preis für eine gute Kuh herangezogen werden. Sie kostete um 80 Tater. Daran wird deutlich, wie wenig Arbeitskraft damals wert war.

Das änderte sich mit der zunehmenden Industrialisierung. Hierzu ein Bericht aus dem Jahre 1912: „Die große Klage der Landwirte ist seit 30Jahren ist der Arbeitermangel und als dessen Folge die Verteuerung der Löhne. Dies war um die Mitte des letzten [neunzehnten] Jahrhunderts anders. Arbeiter waren hinreichend vorhanden und verstanden ihr Metier. Heute wandern gerade die besten Arbeiter in die Städte und zu den Zechen ab, und für die Landwirte bleiben vielfach nur ganz junge und auch minderwertige Kräfte. Auch fehlt es ihnen an guten Säeleuten. Früher fanden sich solche in jedem Dorfe und auf jedem Gute. Diese verstanden ihn Geschäft, und man sagte namentlich beim Raps säen: Ein guter Säemann ist einen Dukaten wert!"

Die Landwirtschaft begegnete diesem Missstand mit einer zunehmenden Mechanisierung der Arbeitsabläufe, um so den zusätzlichen Einsatz von Arbeitskräften einzuschränken. „Wer durch den Pflug reich werden will, muss ihn selber anfassen", hieß es damals. Diese Entwicklung dauerte bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts an. Knechte und Mägde kennt man seitdem fast nicht mehr. Die verhältnismäßig geringe Zahl der Arbeiter, die in der heutigen Landwirtschaft zum Einsatz kommen, sind fachlich qualifizierte, gut ausgebildete Kräfte mit tariflichen Lohnvereinbarungen, die denen in der übrigen Wirtschaft kaum nachstehen.

Wenn dir dieser Bericht gefallen hat, dann empfehle ich dir auch folgenden Beitrag: