Die Zeiten Prägen den Menschen


Das schönste Märchen, dass der menschliche Geist sich einfallen ließ, ist das Märchen von der guten alten Zeit. Es ist eine Verklärung der Vergangenheit und entspricht nicht dem Leben, das unsere Vorfahren führten. Ich möchte mit den nachfolgenden Zeilen etwas zurechtrücken und denen einen Spiegel entgegenhalten, die heute in Unzufriedenheit verharren und sich der guten Zeit, in der wir doch aktuell leben, nicht bewusst sind. Das Leben der Menschen hat sich seit jeher gewandelt und das stete Bemühen bessere Lebensverhältnisse für die Menschen zu schaffen, hat sich bis heute erhalten. Auch wenn der Mensch in vielerlei Hinsicht Fortschritte gemacht hat, in seinem Streben nach paradisischen Lebensverhältnissen hält er nicht inne und selbstsüchtig leben wir heute auf Kosten der nächsten Generationen. Die Gier ist eine Krankheit, gegen die bis heute keine Medizin erfunden wurde. Die Menschen von damals konnten sich ein Leben, wie wir es heute führen, weder in ihren schönsten Träumen vorstellen noch begreifen. Ihre Ansprüche waren bescheiden und dennoch führten sie ein Leben, das Freude und Glück, nicht nur Schmerz und Trauer kannte. Damit wir aber begreifen, sollten wir einen Blick zurück wagen und erkennen, wo unsere Wurzeln sind und wie unsere Vorfahren ihr Leben meisterten. Wir tragen deren Erfahrungen, wenn auch unbewusst, in uns. Sie haben unser Wesen und Denken geprägt, denn ihr Blut fließt in unseren Adern.


Früher war die Arbeit hart und beschwerlich. Kräftezehrend und mit stetem körperlichen Einsatz musste der weitaus größte Teil der Bevölkerung die tägliche Arbeit verrichten, und das oft bei unzureichender Ernährung. Seuchen und Krankheiten machten der körperlich geschwächten Bevölkerung arg zu schaffen. Es waren widrige Lebensumstände und auch die feuchten und unterkühlten Wohnstätten ließen annehmbare hygienische Verhältnisse nur in unzureichendem Maße zu. Es herrschte Not und das soziale Elend, insbesondere bei der arbeitenden Bevölkerung, schürte Unzufriedenheit und führte zu Aufruhr und Aufstand gegenüber der Obrigkeit.
Dies nutzend, fanden Heer und Aufrührer bei diesen notleidenden Menschen ihre dankbaren Krieger, die plündernd und brandschatzend ganze Landstriche entvölkerten. So verfielen auch in unserer Heimat während des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) ganze Dörfer und Wohnstätten, deren Namen nicht mehr bekannt sind. Bestenfalls überstanden noch steinerne Zeugen die Zeiten oder die Benennung ihrer Namen bezeugt in alten Schriften ihre Existenz.

 

Wenn auch nicht alle Menschen in dieser Weise Verrohung und Gewalttätigkeit als ein Mittel ihres Überlebens sahen, so kann dennoch nicht übersehen werden, dass jede Zeit und die darin bestehenden Lebensumstände, den Charakter und das Wesen der in ihr lebenden Menschen veränderte und nachhaltig beeinflusste. Es haben sich Wesensmerkmale herausgebildet, die zum Erbe für die nachfolgenden Generationen wurden:


Unsere Vorfahren waren bieder, arbeitsam, fromm und gottesfürchtig. Sie waren vom Schicksal gezeichnet, belastet von unruhigen Zeiten, durch Krieg und Verfolgung. Ihr Leben wurde erschwert durch Krankheiten, wie Auszehrung, Pest und Cholera. Der Tod kam meistens viel zu früh und Lebensplanungen voller Hoffnung wurden jäh durchkreuzt. Aberglaube und Hexenverfolgung, die allgegenwärtige Macht der Kirche im kurkölnischen Teil unserer Heimat, die Willkür der Obrigkeiten, Hunger und Not nach schlechten Ernten, schutzlos den Unbilden der Natur unterworfen. Es war ein hartes Leben, das die Menschen ebenso hart und dickschädelig machte. Und ihre Scheu, ihr Misstrauen gegen fremde Einflüsse, waren oft ihrer Unwissenheit geschuldet. Des Schreibens und des Lesen unkundig, war man den Advokaten und Gerichtsschreibern hilflos ausgesetzt.

 

Schau in die Gesichter der Menschen. Sie erzählen dir ihre Geschichte!

Folgende Auswahl an Fotografien, die um die Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert entstanden, geben Kunde von den Lebensverhältnissen in dieser Zeit. Von Kindesbeinen an waren die Menschen daran gewöhnt, Entbehrungen und Widrigkeiten im alltäglichen Leben zu meistern. Frömmigkeit und Gehorsam war eine Disziplin, die mit Härte anerzogen wurde. Die Bilder sprechen Bände.



Mit trefflichen Worten hat die Heimatdichterin Christine Koch die Wesensart der Menschen im Sauerland in jener Zeit wiefolgt beschrieben:

 

Menschen aus dem Bergland


Warum wollt Ihr uns schelten, uns, die Menschen vom hohen Bergland;
dass wir geboren werden mit dem Siegel auf herben schmalen Lippen
und der kühlen Abwehr im Auge gegen Fremdes, nicht Artverwandtes?

Sind etwa unsere Berge laut und geschwätzig, wenn Sie mit Wind und Wolken heimliche Zwiesprache halten?


Rühmen unsere wogenden Getreidefelder sich dessen, was sie gewirkt, erhofft und ertragen, in Sturm und Wetter, Dürre und Nässe?
Murmeln unsere klaren Bergwässer nicht leise ihre Dankgebete dem Herrn?

Was sollen wir Menschen, die wir schweren Schrittes unsere Ackerbreiten, unsere Wiesen und Wälder durchschreiten,
was sollen wir unser Ureigenstes verleugnen, unsere stille Art, die in keuscher Zurückhaltung der Welt verbirgt, was wie ein Heiligtum im Herzen ruht!

Wohl können wir reden, wo's nottut und Zweck hat, kommen herzlich entgegen dem Gaste und seiner Eigenart.
Nun soll man uns auch lassen, wie wir nun einmal sind.
Wir wissen es wohl: vielfach versteht man uns nicht.
Das aber wissen die andern: man kann sich auf uns verlassen;
Denn ohne viel Worte sind wir treu!


Erkennen wir uns heute in diesen Zeilen wieder?


Wohl kaum. Wir leben hier und heute in einer Zeit des Übermaßes und des Wohlstandes. Siebzig Jahre Frieden, in denen Generationen aufwuchsen, denen es erspart wurde, in Angst und Schrecken, in Not und Elend aufzuwachsen. Es bestehen viele Gründe zufrieden zu sein mit dem was ist, auch wenn vieles im Argen liegt. Unsere Zeit hat neue Herausforderungen und neue Probleme geschaffen, die unseren Vorfahren fremd waren. Es bestehen andere Lebensverhältnisse. Doch welche Wesensmerkmale schaffen diese, werden den übernommenen hinzugefügt oder verdrängen sie? Und welche sind es wert, sie an unsere Kinder weiterzureichen? Daran wird es liegen, ob wir einer guten Zukunft entgegensehen dürfen oder nicht. Jede Generation, ja jeder Mensch, muss sich dieser großen Verantwortung bewusst sein. Geschichtsbewusstsein und Erziehung helfen und die stete Beschäftigung mit der Frage: „Wo kommen wir her und wo wollen wir hin?“
Wer in unserer Gegenwart, wo weder Not noch Elend herrscht, stetig jammert, unzufrieden hetzt und gute alte Zeiten heraufbeschwört, der wird der Geschichte seiner Vorfahren nicht gerecht, der verleugnet auch sein eignes Wesen, sich selbst.