Glockenlose Zeiten - trostlose Zeiten


November 1917, eine schicksalhafte Zeit inmitten des ersten Weltkrieges. Die Euphorie der ersten Kriegsjahre ist schon lange verflogen. Weitsichtige Zeitgenossen ahnen bereits den Zusammenbruch des deutschen Heeres, erkennen die drohende Niederlage, die ein Jahr später bereits Realität war. Trotzdem werden in diesen Tagen den Kirchtürmen im Deutschen Reich ihre Glocken entrissen um daraus Waffen zu schmieden und den Wunsch vieler zu nähren, doch noch das Unmögliche möglich zu machen. So auch in Eslohe.

Blick aus dem Glockenturm der Esloher Pfarrkirche
Blick aus dem Glockenturm der Esloher Pfarrkirche

„Glockengeläut entbehren zu müssen, verstört anscheinend des Menschen Lebensgefühl. Diese Stimmen begleiten ja sein Dasein von der Taufe bis zum Tode, schlagen ihm die guten und die bösen Stunden, spenden Trost, künden Hoffnung wie seit ungezählten Generationen – bürgen für Vergänglichkeit und für Dauer. Schweigen sie, gerät mehr als der Tagesrythmus aus den Fugen.“ Mit diesen Worten umschreibt die Esloherin Magdalena Padberg im Vorwort zu ihrem Buch ,,Glocken im Sauerland“ zutreffend die glockenlosen Zeiten dieses Jahrhunderts.

 

Es waren ja gerade die Kriegszeiten, in denen die Menschen dem gewohnten Klang ihrer Glocken bedurften, sie zur Besinnung rufen sollten. Doch ihr klangvoller Ruf war verstummt. Ihr metallenes Material, einmal eingeschmolzen und neu gegossen zu Kriegsinstrumenten, erschallte nun auf den Schlachtfeldern. In beiden Weltkriegen fiel der Großteil des kirchlichen Glockenbestandes der deutschen Rüstungsindustrie zum Opfer. So wurde im Sommer 1917 auch in Eslohe die Frühmessglocke vom Kirchturm geholt um aus ihrem geweihten Material Mörser und Geschütze herzustellen. Die älteste und größte Glocke im Turm der Esloher Pfarrkirche wurde jedoch verschont, da man ihn ihr den historischen Wert erkannte. Sie wurde im Jahre 1465 aus Bronce gegossen und trägt die Inschrift: ,,Jhesus Maria, Maria heit ich, wei mi hort, die bede sich * Johan van Dorpmunde goit mich + 1465 +“. Sie ist auf den Ton a gestimmt.

 

Die Pfarrkirche im Dorfkern von Eslohe, im Vordergrund das Papehaus, ehemals Küsterhaus
Die Pfarrkirche im Dorfkern von Eslohe, im Vordergrund das Papehaus, ehemals Küsterhaus

Nachdem der deutschen Rüstungsindustrie wegen Materialverknappung die Erschöpfung drohte, sollte 1917 noch eine zweite Glocke aus dem Esloher Kirchturm requiriert werden. Es war die auf den Ton Fis gestimmte und im Jahre 1770 auf Halmann's Hof in Eslohe (heute Gabriel) gegossene Feuerglocke, auch Peter und Paul- Glocke genannt. Die lateinische Inschrift lautet: ,,Du Petrus und Paulus, während ich zum Leichenbegängnis läute, schütze mit dem Schwerte die Erde, erschließe mit dem Schlüssel den Himmel."

 

Dem Glockenstuhl entrissen und zum Abtransport bereit, stand sie nun auf der Rampe des Esloher Bahnhofs. Der Waggon war bestellt. Doch am Morgen des 19. November 1917 machten die Bediensteten der Deutschen Reichsbahn eine unerwartete Enddeckung: Die Glocke war verschwunden. Auch die eiligst herbeigerufene Polizei konnte nichts mehr feststellen, heftiges Schneetreiben hatte jegliche Spuren verwischt. 

Am darauffolgenden Sonntag machte Pfarrer Mollerus von der Kanzel diese ,,ruchlose Tat" bekannt. Jeder, der etwas wisse, solle im Pfarrhaus oder bei der Polizei Meldung machen. Doch Eberhard Heymer aus Sallinghausen, damals Mitglied des Esloher Kirchenvorstandes, wusste mehr. Nach der Frühmesse ging er sogleich ins Pfarrhaus und unterrichtete dem ahnungslosen Pfarrer: ,,Die Glocke ist versorgt und gut aufgehoben. Der Herr wird seine Diener loben. Eines guten Tages, wenn wieder Frieden im Lande ist, bimmelt sie wieder im Turm." Doch dem Drängen des Pfarrers, doch nähere Angaben zum Verbleib der Glocke zu machen, kam er nicht nach: ,,Weshalb wollen sie ihr Gewissen damit belasten?" Fortan wurde darüber still geschwiegen. Doch Monate später, nach Kriegsende im November 1918, war die Geschichte einer einmaligen Rettungsaktion in aller Munde.


Das Unternehmen "Bim - Bam"


Mit dem Mistschlitten wurde die Glocke in das Versteck transportiert.
Mit dem Mistschlitten wurde die Glocke in das Versteck transportiert.

Der Sallinghauser Mühlenbesitzer Franz Sternberg hatte den Diebesplan ausgeheckt und dem damaligen Ortsvorsteher Franz Baust vorgeschlagen, in einer Blitzaktion die Feuerglocke zu retten. Baust war Feuer und Flamme dafür und weihte seinen Schwager Franz Mathweis, der bereits als Kriegsverwundeter vom Heeresdienst entlassen war, in den Plan ein. Als Vierter im Bunde fand sich der Schlosser Josef Schulte gnt. Eiken.

 

Es war die Nacht vom 18. auf den 19 November 1917, da startete das ,,Unternehmen Bim-Bam", wie es später genannt wurde. Diese Nacht war wunderbar geschaffen für einen Diebeszug solchen Ausmaßes. Der Schnee rieselte immer stärker, so dass bereits nach zehn Minuten alle Spuren wieder verwischt waren. Die vier Sallinghauser beluden Mathweis Pferdeschlitten mit Rollhölzern, Streichen, Stemmeisen und Winde. Den Pferden wurden Säcke um die Hufe gebunden, damit ihre Eisen keinen Laut von sich gaben. Auf Bausts Land in der Bermecke, unweit vom Dorf gelegen, wurde das Glockengrab ausgehoben und mit Reisig und Stroh ausgepolstert. Kein Mensch störte sie in dieser dunklen Nacht bei ihrer Arbeit. Keiner kam ihnen entgegen. Bald war der Abtransport vom Esloher Bahnhof durchgeführt, da ließ man den ehernen Leichnam in die Grube gleiten und deckte ihn mit Fichtenzweigen ab. Am anderen Morgen, bei Tageslicht, wurde dann das Glockengrab mit Erde verschlossen und mit Dornensträuchern sorgsam verdeckt. So gingen die Monate ins Land ohne dass jemand Verdacht schöpfte. ,,Keines Spähers Auge wähnte auf dem Roggenfeld das Grab; wogendes Getreide deckte, was man hier der Erde gab", so beschrieb Ferd. Schulte, Kirchenküster aus Eslohe, in schönen Versen diese Begebenheit.

 

Doch rechtzeitig zum ersten Weihnachtsfest nach Kriegsende brachten die Sallinghauser ihr Diebesgut zur Esloher Pfarrkirche zurück und setzten das gute Stück vorm Glockenturm ab. Schnell waren Fachleute gefunden, um die Feuerglocke wieder an ihren angestammten Platz im Turm zu ziehen. Pfarrer Mollerus traten die Tränen in die Augen, als er in der Christnacht des Jahres 1918 der versammelten Kirchengemeinde mit bewegter Stimme mitteilen konnte, dass nun die verschollene Glocke im Turm wieder ihren Dienst tue. Und dort befindet sie sich noch heute.

 

,,Liebe, alte, traute Glocke, klinge du noch ,tausend Jahr' , schütz vor Brand und Kriegsgefahren, schütze Esloh immerdar!,, Diesen Wunsch des poetischen Kirchenküsters hat sie gehalten. Auch das ,Tausendjährige Reich' konnte sie schadlos überstehen. Auch im zweiten Weltkrieg wurden Glocken aus den Kirchtürmen entnommen. Diesmal musste die im Jahre 1928 angeschaffte Josefs-Glocke zum Einschmelzen abgeliefert werden. Dagegen erhob sich aber kein Widerstand, denn der  Esloher Nazibürgermeister Hermann Vesper gab während einer Schulungsstunde der Hilterjugend unverhohlen zu verstehen, dass, sollten es wieder einmal besonders Mutige mit Glockenklauen versuchen, dieses ein Kriegsgerichtsurteil mit schlimmsten Folgen für Leib und Leben der Beteiligten nach sich ziehen würde. Die Geschichte hat sich somit auch nicht wiederholt. Die Sallinghauser mussten im Dritten Reich dann auch tatenlos zusehen, wie aus ihrer Dorfkapelle die 40 Pfund schwere Angelusglocke beschlagnahmt und ,,kriegswichtigen Zwecken zugeführt" wurde. Sternberg, der Initiator vom ,,Unternehmen Bim-Bam" schrieb 1943 in den Turm: ,,Antoniusglocke 1801 - der Hitlerkrieg hat sie geraubt."

 

Über die Glockenbeschaffung nach Ende des Krieges handelt die nächste Geschichte. Drücke den Button, wenn Du weiterlesen möchtest:


Fotos von der Weihe der Dreifaltigkeitsglocke in Eslohe (1954)

Eslohes Pfarrer Karl Stolte von 1948 bis 1962, Heinrich Heymer trägt als Mitglied des Kirchenvorstand den Baldachin (links)
Eslohes Pfarrer Karl Stolte von 1948 bis 1962, Heinrich Heymer trägt als Mitglied des Kirchenvorstand den Baldachin (links)
Zur Glockenweihe reiste der Paderborner Weihbischof Dr. Franz Hengesbach nach Eslohe
Zur Glockenweihe reiste der Paderborner Weihbischof Dr. Franz Hengesbach nach Eslohe
Im Vordergrund der Kirchenküster, mein Patenonkel, Albert Scherer
Im Vordergrund der Kirchenküster, mein Patenonkel, Albert Scherer