Winterzeit ist Kinderzeit


Gedanken an vergangene Winterzeit: Sie sind nicht gehüllt in einen grauen, trüben Schleier. Ich denke an Geborgenheit in der warmen Stube, ausgelassene Spiele im dichten Schnee, Vorfreude auf feierliche Tage und Erinnerungen an dörfliches Zusammenleben. Einige Jahrzehnte, viele Jahre, liegen dazwischen. Doch ich empfinde es als eine kurze Zeitspanne. Aber die hat verändert, nicht nur mich, auch die Umwelt, das Leben. Gründe gibt es genug darüber nachzudenken, zu träumen; erst recht wenn diese Träume so bunt und schön sind.

Winter. Diese Jahreszeit beginnt auf einem Bauernhof erst dann, wenn alles „unter Dach und Fach“ ist. Die Ernte musste eingebracht, die Herbstsaat ausgesät, das Vieh in den Stall geholt und genug Brennholz im Schuppen eingelagert sein. Dann konnte der Winter beginnen. Gut musste man vorbereitet sein, denn wer gut vorgesorgt hatte, konnte einem langen eisigen Winter gelassen entgegensehen. Wir Kinder verbanden mit dem Winter etwas anderes. Der begann für uns mit den ersten Schneeflocken, denen man erwartungsvoll entgegen sehnte. Spätestens der Sankt Martinstag im November zeigte uns: Winterzeit ist Kinderzeit. Der Martinszug in Eslohe, an dem wir Kinder mit unseren selbst gebastelten Laternen teilnahmen war ein besonderes Erlebnis, gerade für uns Dorfkinder. Die vielen bunten Lichter, die Blasmusik, das Martinsspiel und dann der Brezel am guten Schluss zeigte: Eine besondere Zeit war wieder angebrochen. Die darauf folgenden Wochen, insbesondere die Adventszeit die schlussendlich mit der Bescherung am Hl. Abend ihren unübertrefflichen Höhepunkt fand, sind heute noch in wacher Erinnerung. Neujahr, Dreikönigssingen, Sonnenvogel-Singen an dem Nachbars Dachrinnen leiden mussten und Fastnacht kamen da nicht gegen an. Nur mein persönlicher Feiertag, Geburtstag Ende Februar, ließ die festfrohe Winterzeit gebührend ausklingen.

Das war noch ein richtiger Winter ! Schnee bergeweise, bedeckte  Berg und Tal. Er fiel öfter  und lag viel höher und länger. Eine schneebedeckte Landschaft hat für mich noch heute einen besonderen Reiz. Sie strahlt Ruhe und Geborgenheit aus und erinnert mich an meine schönsten Kinder-Wintererlebnisse.

Auch die heutige Dorfjugend findet Spaß am Schnee, wenn er denn mal da ist (Dez. 2010)
Auch die heutige Dorfjugend findet Spaß am Schnee, wenn er denn mal da ist (Dez. 2010)

Frühmorgens, nach dem Aufstehen, drückten wir Kinder uns die Nasen an den zugefrorenen Fensterscheiben platt. Wie viel Schnee hat Frau Holle wohl in der letzten Nach aus ihren Betten geschüttelt ? Weiße Häubchen auf dem Gartenzaun war ein untrügliches Zeichen dafür, dass ein herrlicher Wintertag bevorstand. Unverständlich warum die Eltern sich darüber augenscheinlich weniger freuten. Zugefrorene Wasserleitungen, schneeverwehte Toreinfahrten und ein Trecker, der absolut nicht anspringen wollte, sorgten nicht selten für eine Stimmung, die nur von Frost und Kälte an Grimmigkeit übertroffen wurde.

Diese hellte sich aber wieder schnell auf, wenn gemeinsames Schneeschieben im Dorf angesagt war. Das war ein Erlebnis für Jung und Alt. Rechtzeitig hatten die Männer in der Sägemühle zwei starke Bohlen zugeschnitten. Diese wurden an einem Ende miteinander verbunden. Ein langes Sitzbrett darüber hielt diese in gleichem Abstand voneinander. Wie ein großer Keil wirkte dieses Räumgerät und drängte, früher von einem Pferd und später von einem Trecker gezogen, zu beiden Seiten den Schnee auseinander. Das reichte in Zeiten, in denen kein öffentlicher Schneeräumdienst mit Spezialfahrzeugen und Salzeinsatz für freie Wegstrecken sorgte. Vorbei ist die Dorfaktion, die Spaß und Gemeinsamkeit schenkte. Väter und Kinder nahmen gemeinsam auf dem Sitzholz des Schneeschiebers Platz um so die erforderliche Schwere des Gerätes zu erreichen. Auf ging die Fahrt in Richtung Eslohe, nachdem im Ort eine Ehrenrunde beendet war. Uns Kinder lockte nicht nur die holperige Fahrt auf diesem ungewöhnlichen Gefährt. Zwischenstation war Poggels Oma in Niedereslohe. Die war froh, dass auch ihr gastliches Haus rechtzeitig vom Sallinghauser Nachwuchs geschätzt wurde. Nachdem die Männer ihren Gerstensaft und wir Kinder unser Sprudelwasser verzehrt hatten, ging die Fahrt zurück ins Dorf. Die zweite Spur war gezogen und die Straße wieder frei für den geringen Verkehr, der damals hier im Ort zu finden war.
Da Salz nicht gestreut wurde, war die Dorfstraße bald in fester Kinderhand. Der festgefahrene, vereiste Untergrund eignete sich vorzüglich zum Gleitschuhfahren. Jeder Hügel wurde zur Schlittenfahrt genutzt. Später schenkte uns das Christkind auch Skier, die an Gummistiefeln befestigt, in schneereicher Zeit ausgiebig genutzt wurden.


Manche Hofeinfahrt wurde von einem großen Schneemann bewacht. Verziert mit Knöpfen aus Kohle, einer Möhrennase, einen blechernen Eimer als Kopfbedeckung und riesengroß musste er sein, damit der den Dorfwettbewerb unter den Kindern auch bestand. Mit Mutters Kohlenschüppe konnte man hervorragend im Schnee werkeln. Auf der Hauswiese am Bach war der geeignete Ort, einen Iglu aus dem hohen Schnee zu stechen der dann auch noch Platz für mehrere Kinder bieten musste. Schüppe und Iglu verschwanden spätestens beim Frühjahrshochwasser auf nimmer Wiedersehen.

Die Schneeballschlacht gegen Nachbarskinder führte an manchen Wintertagen zum dörflichen Kleinkrieg. Dabei gingen weniger Fensterscheiben als Freundschaften in die Brüche. Doch spätestens am nächsten Morgen waren die Karten neu verteilt. Lang anhaltende Fehden hat es unter uns Dorfkindern nie gegeben und das war gut so.

Diese kalte und dunkle Jahreszeit hatte aber auch noch andere schöne Seiten, in besonderer Weise für uns Bauernkinder. Müde vom Schneetollen nach Einbruch der Dunkelheit übte der warme Kuhstall auf uns Kinder immer einen besonderen Reiz aus. Bis zum Abendbrot war das unserer beliebtester Platz. Der Geruch von Tier und Heu, die gemütliche Stimmung im niedrigen Stall, das zufriedene Kauen der Tiere: Diese Atmosphäre kann nur der nachempfinden, der das schon einmal selbst erlebt hat. Unser Lieblingsplatz war immer die Heuecke, direkt unter der Balkenluke, aus der zweimal täglich Heu und Stroh vom Heuboden hinunter vor den Futtertisch geworfen wurde. Dort lagen wir dann, vereint mit Hund und Katzen, während das Rindvieh, in Reih und Glied angebunden im Fressgitter genüsslich Schrot und Runkeln kauten und bereits heißhungrig auf das duftende Heu schielend, indem wir Platz genommen hatten. Gleichzeitig war Vater beim Melken oder Ausmisten, also für uns Kinder in Sichtweite.


Unsere weihnachtlich geschmückte Stube (um 1950)
Unsere weihnachtlich geschmückte Stube (um 1950)

Irgendwann an einem Nikolausabend, wo wir schon erwartungsvoll im Stall umherliefen und auf das angekündigte Erscheinen des heiligen Mannes hofften, musste Vater ausgerechnet beim Nachbarn helfen. Ein Kälbchen sollte dort geboren werden und das konnte dauern, was uns gar nicht passte. Was sollten wir nur machen, wenn ausgerechnet in der Zeit, wo Vater seine Hebammendienste verrichtete, Nikolaus im Rahmen steht, wohlmöglich  in Begleitung von Knecht Ruprecht ? So ein reines Gewissen hatten wir doch nicht. Gerade noch am Vorabend hatten wir die Nachbarskinder gehörig erschreckt und geärgert. Die Runkeln in unserem Keller, welche eigentlich als Viehfutter gedacht waren, hatten wir kurzerhand zweckentfremdet. Ausgehöhlt, Augen, Nase und Mund herausgeschnitten. brauchten diese nur noch mit einer brennenden Kerze ausgerüstet werden. Fertig waren Schreckgespenster, die wir nach Einbruch der Dunkelheit vor Nachbars Fenster stellten. Schnell noch  die Haustürklingel gedrückt und die Beine in die Hand genommen. Dieser eigentlich harmlose Streich, machte uns nun aber heftige Bedenken. Diese verstärkten sich sprunghaft, als ein leises Glöckchengeläut von draußen her wahrnehmbar wurde. Da blieb nur die Flucht in Mutters warme Stube. Die hatte uns dort schon in weiser Voraussicht erwartet.

Wir mussten nicht lange unter Mutters Fittichen ausharren, da klopfte es schon kräftig an die Türen. Da stand er nun leibhaftig in voller Größe vor uns: der Nikolaus. Knecht Ruprecht war, Gott sei’s gedankt, nicht mitgekommen. Doch aus Nikolaus Leinensack ragte unübersehbar eine Weidenrute heraus, die unser Zutrauen in diesen Mann nicht gerade stärkte. So blieben wir folgsam und brav neben Mutter stehen und sangen kräftig, wie befohlen, das bekannte Lied: „Nikolaus komm in unser Haus, pack die großen Taschen aus.“ Das tat er dann auch und reichte jedem mit ein paar mahnenden Worten doch einige süße Leckereien, bevor er sich von uns mit dem Versprechen, im nächsten Jahr wieder vorbeizuschauen, verabschiedete. Gewundert hatte uns bei aller Hochachtung dennoch, dass unsere frischen Verfehlungen mit keinem Satz erwähnt wurden. Standen denn in dem dicken Buch, was er mit sich führte, nicht alle Sünden? Und dass der heilige Nikolaus nun ausgerechnet die gleichen Stiefel mit dem gleichen Farbenfleck wie Vaters Gummistiefel trug, machte uns noch einige Tage zu schaffen.

Weihnachten in der Pfarrkirche St. Peter u. Paul in Eslohe (Foto um 1950)
Weihnachten in der Pfarrkirche St. Peter u. Paul in Eslohe (Foto um 1950)

Unendlich lang waren die Tage bis Weihnachten. Da half auch der Adventskalender nicht groß weiter. Trotzdem war es das Erste am Morgen, was dem obligatorischen Blick aus dem Fenster folgte: Das Kläppchenöffnen. Kleine bunte Bilder, keine Schokolade wie heute, waren es, die uns beglückten und jeden Tag aufs Neue unsere Neugierde weckte. Was ist morgen darin? Schön waren diese Kalender, herrlich kitschige Engel flogen durch die Lüfte, schneebedeckte Tannen, der Weihnachtsmann mit Rentier und Schlitten und überall glitzernder Streusel drauf.

Dann kam der Tag der Bescherung, Heiligabend. Den ganzen Tag über nur Weihnachtslieder im Radio, die nun gar keine anderen Gedanken aufkommen ließen. Die Wohnzimmertür war abgeschlossen, weil das Christkind nicht gestört werden darf. Daran hielten wir uns brav und sahen dieser Tür ehrfurchtsvoll entgegen. Bis zur Bescherung war es eine reine Geduldsprobe, die uns Mutter aber gerne versüßte. Gekauften Kuchen, Bienenstich, gab es damals nur zum Nachmittagskaffee am Heiligen Abend.

Doch Bescherung hatte unser Vieh noch vor uns Kindern. Vater füllte an diesem Abend immer ein wenig mehr Futter in den Trog. Und dann war es soweit. Mutter ging voran und öffnete die Tür, um zu sehen, ob denn wirklich das Christkind den Weg zu uns hin gefunden hatte. Die erlösenden Worte ließen nicht lange auf sich warten: „Das Christkind war da!“. Die Lichter am Tannenbaum, die unsere „gute Stube“ in geheimnisvolles Licht verwandelten, überall ein Päckchen, die lang geträumte Kinderwünsche erfüllen sollten. Augenblicke, die jedes Kinderherz schneller schlagen lassen und sich fest in die Erinnerung brennen.

Zufriedene Kindergesichter am Heiligen Abend. Ein Wunsch, den sich Eltern für alle Zeit erfüllten möchten. Unruhig aber zufrieden schliefen wir dem ersten Weihnachtstag entgegen, eine traumerfüllte Christnacht.