Mein Nachbar


 

 

 

 

 

 

Anton Mathweis

 

Am 3. März 2016 starb mein Nachbar Anton Mathweis nach einer langen und von ihm geduldig ertragenen Erkrankung im Alter von 89 Jahren. Er ging  genau nach einem Jahr seiner Frau Elisabeth im Tode nach. Sein Tod ist menschlich gesehen ein herber Verlust für die Familie, aber auch für diejenigen, die Anton schätzten. 

 

Klarstellung:
In der Ausgabe des "Esselboten" im Dezember 2012, einer Schrift der örtlichen CDU, gab man mir die Möglichkeit, das Lebenswerk von Anton Mathweis darzustellen und zu würdigen. Der Tod von Anton ist für mich der Anlass, meinen Bericht,  den er damals mit Freude gelesen hatte, an dieser Stelle mit kleinen Korrekturen wiederzugeben. Damit möchte ich ihn ehren und das Andenken an ihn wach halten.  Unser Miteinander war stets von gegenseitigem Vertrauen und Wertschätzung geprägt. Das ist Grund genug für mich dem Leben von Anton Mathweis hier  eine Seite zu widmen. 

                                   Die Faszination eines Lebens


Foto: Ursula Mathweis
Foto: Ursula Mathweis

Ich sehe ein Foto vor mir: Ein älterer Herr und ein kleines Mädchen, Hand in Hand, schreiten über eine Wiese, entfernen sich vom Betrachter. Es sind die Zufallsfotos, die oft so wertvoll und aussagekräftig sind. Auch dieses Bild sagt einiges aus, erweckt gute Gefühle, Kindheitserinnerungen, Vertrauen und Beschützen. Es versinnbildlicht aber auch das Führen und Begleiten der Generationen hinein in eine für uns alle ungewisse Zukunft.

Dieses Foto hat vielen Betrachtern gefallen, hat sie berührt und angesprochen. Die Photographin hat beim Fotowettbewerb des Pastoralverbundes Esloher Land damit den ersten Platz belegt. „Faszination Leben“, war das Thema und der alte Mann auf dem Foto war kein anderer als ihr Vater, Anton Mathweis.

Es ist kein Zufall, dass Anton Mathweis 1952 „als junger Bursche“ in die Esloher Gemeindevertretung berufen wurde. Mit kurzen Unterbrechungen gehörte er bis 1989 der Gemeindevertretung, später dem Gemeinderat an. Auch er wurde an die Hand genommen.
Es war sein Vater, der direkt nach dem Krieg, nach dem „Ümmeschwung“, der erste frei gewählte Bürgermeister in der Gemeinde war. Anton Mathweis erinnerte sich gerne an diese Anfangszeit seines politischen Schaffens. Er habe erst einmal viel zugehört und versucht Erfahrungen zu sammeln, da das alles für ihn nicht uninteressant gewesen sei, aber dennoch manchmal schwierig.

Dieses Bild ist auch bezeichnend für einen Mann, der Zeit seines Lebens ganz bewusst Vergangenes bewahren und durch sein gegenwärtiges Bemühen in die Zukunft führen wollte. Das brachte er immer durch seine konservative Lebenshaltung im guten Sinne zum Ausdruck. Und so wundert es nicht, dass sich rasch die Interessen und Themenschwerpunkte heraus kristallisierten um die sich Anton Mathweis im Privatleben aber auch öffentlich in zahlreichen Ehrenämtern über viele Jahre hin bemüht hat. Sie fanden auch noch bis ins hohe Alter seine besondere Aufmerksamkeit:


Der Erhalt der heimischen Kulturgüter, wie Sitten, Gebräuche, die plattdeutsche Sprache, das Dorf- und Familienleben, die Erziehung und Bildung, die Bewahrung der christlichen Werte und nicht zuletzt die Einbindung des Bauernstandes als unverzichtbarer Teil in unsere Gesellschaft.
Auch da noch, als seine Füße ihm den Dienst versagten und das Alter seinen sichtbaren Tribut zollte, war eines ungebrochen: Das Interesse an dem, was ihn schon immer umgetrieben hat.

Kapellenjubiläum 2004: Anton Mathweis (rechts), Pastor Helmsorig (Mitte) und der Verfasser
Kapellenjubiläum 2004: Anton Mathweis (rechts), Pastor Helmsorig (Mitte) und der Verfasser

So habe ich ihn in Erinnerung:

                                                     „Komm setz Dich, erzähl mal“.

 

Es ist noch nicht allzu lange her, und seine deutliche, aber wohlmeinende Stimme klingt noch in meinen Ohren, wenn er mir einen Platz anbot: „Komm setz dich, erzähl mal“. Ob in der gemütlichen Wohnstube, am Küchentisch oder am Kamin in der Deele, schnell fand man sich eingefangen in einem guten Gespräch mit Anton Mathweis. Und es war nicht seine Wissbegierde allein, was das Gespräch antrieb. Anton Mathweis hatte auch noch was zu sagen, konnte noch mitreden und beitragen aus einem reichen Erfahrungsschatz, aus einem ausgefüllten Leben heraus, auch wenn sich die Sichtweise oft aus heutiger Position heraus gewandelt hatte.

Wer Anton Mathweis früher in öffentlichen Versammlungen, in politischen oder berufsständischen Gremien erlebt hat, der muss zugeben, dass dieser Mann sich mich Herzblut und vollem Engagement einsetzte. Seine Überzeugungen und Meinungen hat er nie versteckt, konnte sein Wort mit Bestimmtheit aber auch mit Bedacht formulieren. Er war ein Diplomat auf kommunalpolitischer Ebene, zeigte sich offen für andere Denkweisen, war aber zielstrebig und beharrlich in der Durchsetzung von Entscheidungen, von deren Richtigkeit er überzeugt war. So ist es auch sein Verdienst, dass heute noch Eslohe als Schulstandort existiert. In der entscheidenden Zeit von 1975 bis 1983 konnte Anton Mathweis als Vorsitzender des Schulausschusses bei der Neuordnung der Schulen mitwirken. Das war ihm ein „Herzensanliegen“ und er war immer überzeugt davon, dass jede Mark im Etat der Gemeinde für die Schulen und für die Ausbildung der Kinder die beste Investition in die Zukunft ist.
Anton Mathweis war einer der Menschen, denen es auf den Leib geschrieben ist öffentlich zu agieren, Politik zu gestalten, Meinungsbildung zu aktivieren und zu nutzen. Doch es war stets für ihn ein Spagat zwischen zwei Ebenen die ihn ständig forderten, denn keine sollte vernachlässigt werden. Vorrangig blieb die Bewirtschaftung seines Hofes in Sallinghausen und das Dasein für die Familie. Doch gerade diese Familie, Frau und Kinder, waren es die ihn darin unterstützt und bestärkt haben, damit der ständige Wechsel zwischen Gummistiefel und Aktentasche gelingen konnte.

2004: Da waren sie alle noch bei uns: (v.l.n.r.) Eberhard Heymer (+ 2016), Anton Mathweis (+2016) Otto Feldmann (+2007) Anton Baust (+2008) Josef Sapp (+2006)
2004: Da waren sie alle noch bei uns: (v.l.n.r.) Eberhard Heymer (+ 2016), Anton Mathweis (+2016) Otto Feldmann (+2007) Anton Baust (+2008) Josef Sapp (+2006)

Ein Manko welches dem Ehrenamt immer anhaftet ist die fehlende Professionalität, ein Mangel an Vorbereitung und Information. Anton Mathweis aber war dafür bekannt, dass er seine Hausaufgaben gemacht hatte und nie unvorbereitet in eine Sitzung ging. Er suchte stets den Ausgleich und nur dann die Konfrontation, wenn es der Sache dienlich war. Seine Gabe schlichten und vermitteln zu können hat ihm Respekt aber auch Vertrauen geschaffen. Als Beisitzer bei der Spruchstelle der Oberen Flurbereinigungsbehörde in Münster hat er über 30 Jahre Verhandlungen begleitet. Und immer ging es dabei um den Erhalt eines hohen rechtstaatlichen Gutes, das Eigentum des Einzelnen.

Für seinen ehrenamtlichen und somit über Jahrzehnte währenden uneigennützigen Einsatz in politischen Gremien und Ausschüssen, aber in ebenso vielen berufsständischen Ämtern, wurde Anton Mathweis mehrfach ausgezeichnet und seine Leistungen gewürdigt.

Mir persönlich, seinem Nachbarjungen, hat Anton Mathweis irgendwann die Hand gereicht und mich davon überzeugt, dass der Einsatz in einem Ehrenamt auch eine ideelle persönliche Bereicherung sein kann und dass es notwendig ist, unserer Gesellschaft nach seinen Fähigkeiten nützlich zu sein.

 

Mit Anton Mathweis ist nun der letzte männliche Dorfbewohner der Generation gegangen, die den zweiten Weltkrieg überlebt hatte.

Wiedergefunden: Vorstellung als Kandidat zum Gemeinderat 1979
Wiedergefunden: Vorstellung als Kandidat zum Gemeinderat 1979


Hintergrundfoto:  Adolph Kolping - Denkmal in Köln