Auf allen Wegen


der Prozessionsweg über den Wennerstich

Unsere Wege und die Fluren durch die sie führen sind gepflastert mit Geschichte und Geschichten, erlebter und gelebter Vergangenheit. Es sind die gleichen Wege die wir ständig gehen, so wie unsere Vorfahren sie gegangen sind. Irgendwann werden sie unsere Nachkommen so wie wir beschreiten. Und wir wünschen und hoffen, dass wir ein Teil ihrer Erinnerung werden.

Der „Wennerstich“: 

 

Seine ursprüngliche Bedeutung ist die „Steige“ und es bezeichnet den „Anstieg aus dem Tal der Wenne“. Wir stehen hier oben auf dieser Anhöhe und unser Blick fällt hinunter auf den Ort. Eslohe, ein Ort im Grünen, eingebettet in eine so für das Sauerland typische Landschaft. Die Pfarrkirche St. Peter und Paul fällt ins Auge. Sie ist der Mittelpunkt. Unübersehbar ragt sie heraus aus Fachwerk und begrüntem Baumbestand, unüberhörbar läuten gerade ihre Glocken im Turm. Der frühlingsfrische Wind trägt ihren Schall hinauf zu uns, altgewohnt wie zu allen Zeiten.
Seit jeher ist der „Wennerstieg“ ein Knotenpunkt gewesen. Dort trafen sich der „Alte Kutschenweg“ von Bremke und der „Polizeiweg“ aus Richtung Wenholthausen kommend. Und von Eslohe her führte der Weg durchs „Fischacker“ wohl als einziger Verbindungsweg zum Wennerstich bevor die Koblenz-Mindener-Chaussee, die heutige Bundesstraße 55, von Napoleons Kriegsheer ausgebaut wurde.

Eslohe, vom Wennerstich aus gesehen
Eslohe, vom Wennerstich aus gesehen

Es war und ist ein Ort der verbindet. Und so ist es auch erklärbar, dass hier auf dem naheliegenden „Kapellenland“ nach alter Überlieferung eine kleine Kapelle gestanden hat. Nicht nur die Grundstücksbezeichnung, auch in Gebäudeverzeichnissen nach 1803 und nach 1816 findet dieses Gotteshaus Erwähnung. Im 19. Jahrhunderts wurde es durch Kaspar Karl Ferdinand Freiherr von Weichs (geb. 5.4.1777 in Wenne, gest. 25.10.1850 in Geijsteren NL) „geschleift“, also abgerissen, weil es sich in einem äußert schlechten Zustand und nicht gotteswürdig befand. Dieser Zustand sei, so ist überliefert, durch „Missbrauch“ und „mutwillige Devastation“ hervorgerufen. Auch in späterer Zeit fanden sich Spuren, die von der Existenz der Kapelle zeugen. Einige Pächter des Kapellenlandes hatten immer wieder Beschwerde beim Eigentümer, dem Freiherrn von Weichs erhoben, da beim Beackern des Bodens sich Reste der Grundmauer zeigten. Auch beim Ausbau der Verkehrsstraße wurden Teile einer Trockenmauer und einer Fenstereinfassung aus Sandstein zu Tage gefördert.
Das Gedenken an diese, ehemals der Gottesverehrung dienenden Stelle, sollte nicht verloren gehen. Dieses Ansinnen hat Kaspar Karl Ferdinand Freiherr von Weichs  dazu veranlasst, hier vier Rotfichten pflanzen und ein schlichtes Holzkreuz errichten zu lassen. Es trug am oberen Querbalken eine Inschrift, deren Text nicht überliefert wurde. Über einen nicht bekannten, jedoch langen Zeitraum verlief hier der Prozessionsweg und an dieser Stelle wurde Station gemacht und Predigt gehalten.
Er bleibt für uns ein denkwürdiger Ort, deswegen und gerade weil in schwierigen Zeiten Traditionen gebrochen, Jegliches dem Erdboden gleich gemacht wurde, und wir versetzen uns in Gedanken zurück. Es ist eine Zeitreise in das Jahr 1872.


1940: Landjägermeister Josef Ramm aus Eslohe am alten Wegekreuz am Wennerstich.
1940: Landjägermeister Josef Ramm aus Eslohe am alten Wegekreuz am Wennerstich.

"Sie sind fromm und gläubig, die Leute hier zu Lande, die gefüllten Kirchen an Sonn- und Feiertagen, die Zahl derer, die sich zum Beichtstuhl, zu Wallfahrt und Prozession drängen, bezeugen es."
Marie Lipsius, 1876

Heute, am Dreifaltigkeitssonntag 1872, der ersten Sonntag nach Pfingsten, wird das jährliche Fest der „Heiligen Dreifaltigkeit“ mit einer Prozession begangen. Sie ist die ursprünglichste und ihre Tradition besteht länger als die der Fronleichnamsprozession (1264), die in wenigen Tagen stattfinden wird. Es ist überliefert, dass bereits um die erste Jahrtausendwende die Benediktiner in französischen Klöstern das Fest zur Verehrung der Heiligen Dreifaltigkeit begingen, also bereits zur frühchristlichen Zeit.

Wie immer sind die Häuser am Prozessionsweg mit bunten Fahnen gesäumt und liebevoll mit Blumen geschmückte Altäre sind am Wege aufgebaut. Ein schöner Tag kündigt sich an, denn bereits am frühen Morgen strahlt die Sonne aus einem wolkenlosen Himmel. Doch die Stimmung ist getrübt.
Es ist eine schwierige Zeit. Der Kulturkampf (1869-1878) ist seit Jahren entfacht. Das Ringen zwischen staatlicher und kirchlicher Macht ist bereits vollends entbrannt und auch in Eslohe in mancher Weise spürbar. Es wird heute die letzte Prozession sein, die über Sallinghausen nach Wenne und von dort zurück über den „Wennerstich“ geht. Und es wird heute die letzte Predigt sein, die auf dieser Anhöhe gehalten wird.
Pastor Theodor Schierhoff (von 1852 bis 1879 Pfarrer in Eslohe) ist alt und leidet an Asthma. Sein Vertreter, Vikar Johannes Wickel, ist im Januar im Alter von 55 Jahren unerwartet an einer Gehirnentzündung gestorben. Die Vikarstelle wird noch lange nach Ende des Kulturkampfes vakant sein. Erst 1888 zieht der in Fretter geborene Johannes Bitter in die Vikarie ein. Zwischen den Freiherrn von Weichs und der Oedinger Kirche besteht seit alten Zeiten das Patronatsrecht, eine grundherrschaftliche Beziehung. Es ist wohl deshalb kein Zufall, dass Pastor Hardebusch aus Oedingen heute die Vertretung für den geschwächten Pfarrer übernommen hat.


Einzug in die Pfarrkirche St. Peter u. Paul Eslohe
Einzug in die Pfarrkirche St. Peter u. Paul Eslohe

"Der Landmann liebt den Schall und die Pracht der Prozessionen und Wallfahrten mit goldgestickten Fahnen, schönem Chorgesang und Böllerkrachen, Hochämter mit Trompeten und Pauken sind seine Sache – bei weitem mehr als die stille Beschaulichkeit."
Ludwig Steub, 1860

 

Der Kirchenschweizer in seiner roten Robe öffnet die schweren Türen. Das Brausen der Orgel schallt nach draußen. Begleitet mit festlichem Geläut ziehen sie aus der Kirche, Jung und Alt, streng nach Geschlechtern getrennt. Einige schließen sich dem Festzug an, der sich nun in Bewegung setzt und über die Kupferstraße zur ersten Station an der St. Isidor Kapelle in Niedereslohe geht.
Die Messdiener führen den Prozessionszug an mit Kreuz und Fahnen, mit Schellen und Weihrauch. Es folgen die Kommunionkinder, die Mädchen in ihren weißen Kleidern und die Burschen in ihren Festanzügen, begleitet von ihrem Lehrer. Der Priester trägt die Monstranz mit dem Allerheiligsten, der heiligen Eucharistie, beschirmt von einem goldbestickten Baldachin. Ehrenwerte Herren vom Kirchenvorstand tragen mit Würde und schneeweißen Handschuhen „den Himmel“. Und damit in jungen und alten Herzen die richtige Festtagsstimmung aufkommt begleiten Musiker mit kirchlichem Liedgut und es schallt aus aller Munde:  „Lasst Christen hoch den Jubel schallen!“

Früher erstreckte sich diese Prozession bis an die Grenzen der Pfarrei. Wegen der ausgedehnten Grenzen teilte man den Prozessionsweg, denn auch Kückelheim und Salwey gehören zum Esloher Pfarrgebiet. Stets begann die Prozession mit dem Auszug aus der Pfarrkirche. Im letzten Jahr ging sie über Bremscheid. Dort wurde die Predigt gehalten. Lochtroper, Hengsbecker und Isingheimer Bürger schlossen sich an und von dort ging es über die Höhe nach Kückelheim. Hier wurde gesellig Rast gehalten und „gefrühstückt“. Das eine oder andere gute Tröpfchen war wohl auch dabei. Doch man besinnt sich an Zeiten wo der Pfarrer nach der Prozession keine Personen mehr auftreiben konnte, die nüchtern genug gewesen wären die Fahnen, Baldachine und Bilder wieder zur Kirche zurückzutragen. Diese Volksfeststimmung ist einer neuen „zivilisierten Frömmigkeit“ gewichen.
Frisch gestärkt wurde der Festzug in Richtung Sieperting fortgesetzt und Salwey „links liegen gelassen“. Früher ging die Prozession auch von Kückelheim über die Anhöhe nach Niedersalwey, und von da aus zurück über Sieperting hin zur Pfarrkirche. Der Beschluss von Pastor Enst (von 1756 bis 1788 Pfarrer in Eslohe), die Prozession über Sieperting abzukürzen wurde damals von den Salweyer Bürgern nicht ohne Protest hingenommen. Doch das ist eine andere Geschichte.
Nachdem Pastor Hardebusch am Altar mit der Monstranz den Segen ausgesprochen hat setzt sich nun der Prozessionszug in Niedereslohe wieder in Bewegung. Der Weg geht nach Sallinghausen, übers „Beil“ durchs „Hunersnest“. In dieser Zeit zeigt sich dieser Waldpfad mit blühendem Weißdorn, Wildrosen und Holunder umsäumt. Das Dorf heißt die Festgesellschaft Willkommen. Zur Begrüßung dröhnen Böllerschüsse durch das Tal und wiederhallen an den Hängen. Fürs Schießpulver verausgabten die Gastgeber in diesem Jahr 9 Mark. Die Dorfstraße ist mit Fahnen geschmückt und an der St. Antonius-Kapelle ein bunter Blumenteppich ausgebreitet. Es wird Station gehalten und bald nimmt die Prozession den Weg zwischen den Höfen Wüllner und Eickhoff, unterm „Rehenberg“ am „Kalkofen“ vorbei in Richtung Wenne.

Die sog. „Wundertanne“ bei Haus Wenne war eine riesige mehrarmige Rotfichte.
Die sog. „Wundertanne“ bei Haus Wenne war eine riesige mehrarmige Rotfichte.

Von Fern ist Haus Wenne dort im weiten Flusstal sichtbar. Eine riesige, mehrstämmige Fichte (in der Silvesternacht 1904 durch einen Orkan zerstört) steht dort, so weit und ausladend, dass dort die Menschen in ihrem Schatten nur zu gerne ausharren, Gebete sprechen und Lieder singen. Bald geht es hinauf zum „Wennerstich“ um dort der eindringlichen Predigt des Pfarrers zu lauschen. Die Glocken der Pfarrkirche schallen hinauf und der Festzug macht sich auf zur letzten Etappe.
Mit Blick auf den Ort taucht die Festgemeinde nun in den Feldweg ein, hinab „Zum Fischacker“. Langsam verhallen die Gesänge der Menschen und das Murmeln ihrer Gebete. Unter ihren klobigen Schuhen erhebt sich eine Wolke von Staub, vermischt sich mit der heißflirrenden Luft in der Mittagssonne.

Motorenlärm reißt uns in die Gegenwart zurück. Die angrenzende Bundesstraße ist an diesem Sonntag stark befahren. Das Umfeld um den „Wennerstich“ hat sich im Laufe der Zeit stark verändert. Hat auch der Kulturkampf seine Spuren im christlichen Leben der Gemeinde geschlagen, - sieben Jahre lang war nach dem Tod von Pfarrer Schierhoff die Pfarrgemeinde verwaist, - so sind diese mit den Leiden die der Zweite Weltkrieg mit sich zog, nicht vergleichbar.
Im Jahr 1941 geriet in Salwey der damalige Pfarrvikar Otto Günnewich in einen Konflikt mit den NS-Behörden. Ein Fahrzeug mit Parteifunktionären musste wegen einer Prozession einige Zeit warten. Man verhaftete den Vikar, brachte ihn ins Polizeigefängnis und später in ein Vernichtungslager. Dort verstarb Otto Günnewich am 23.9.1942.

Während des letzten Weltkrieges folgte der Esloher Nazibürgermeister Hermann Vesper, seines Amtes auch Ortsgruppenleiter der NSDAP, der Aufforderung vom Luftgau Dortmund, das Kreuz und die Fichten am Wennerstich entfernen zu lassen. Es bestand Sorge, dass feindliche Fliegerverbände diesen markanten Punkt zur Orientierung nutzen zu können.

So wichen hier im Laufe der Zeit die christlichen Glaubenszeichen. Aber auch die Tradition der jährlichen Prozession zum „Wennerstich“ ist seitdem Geschichte. Doch fünfzig Jahre nach Kriegsende und nach dem 1992 abgeschlossenen Ausbau des Verkehrsweges steht nun ein neues Wegekreuz am Kapellenland. Freiherr Georg von Weichs und seine Familie hatten schon lange die Absicht ein neues Kreuz am Wennerstich aufzustellen. Im Juni 1996 konnte wieder ein schlichtes Eichenkreuz  aufgerichtet werden. Die Esloher Pastöre beider Konfessionen erteilten den kirchlichen Segen.
Das Kreuz, so Georg von Weichs, hat auch heute noch Symbolkraft von Weltbedeutung. Unser Christenkreuz wirkt auch in Regionen hinein, wo weniger Christenmenschen leben als hier bei uns.

"Man sollte es wirken lassen, ein wenig auch durch unser Tun. "