Früher war reisen kein vergnügen

Brückenbau machte einen Verkehrsweg sicherer

Dieser Bericht erschien von mir im Homert-Kurier am 27.11.1992

Weitere Bilder werden in Kürze noch zum Thema eingestellt. 


Anhang: Der "Köttenherrgott" an der Wenne

Andreas Haus an der Bußschlacht, später Wrede als Besitzer, war früher eine Kaffeewirtschaft für Straßenfuhrleute
Andreas Haus an der Bußschlacht, später Wrede als Besitzer, war früher eine Kaffeewirtschaft für Straßenfuhrleute

 Wo Bäche und Flüsse die Transportwege zu Lande kreuzten, wurden sie früher zu einem oft unpassierbaren Hindernis. Deshalb vermieden die Handelsleute unter unseren Vorfahren, wenn es möglich war, die Wegstrecken durch Flusstäler. Nach heftigen Niederschlägen waren diese meist unpassierbar. In regenreichen Jahreszeiten, insbesondere in der Schneeschmelze, traten die Flussläufe über die Ufer und überschwemmten ganze Täler. Die schlecht befestigten Wege wurden dann so tiefgründig, dass ein Befahren mit Pferd und Wagen, wenn es überhaupt möglich war, nur unter größten Mühen geschah. Deshalb führten die wichtigsten Handelswege in frühester Zeit meist über die Höhenlagen unserer Heimat. Ausgefahrene Hohlwege, die teilweise parallel zueinander verlaufen, sind noch heute sichtbare Zeugen einer Zeit, wo das Reisen selten ein Vergnügen, vielmehr Anstrengung und Strapaze für Mensch und Tier bedeutete. Doch dort, wo keine Ausweichmöglichkeit bestand, musste der Reisende den oft schwierigen und auch lebensbedrohlichen Übergang eines Flusslaufes wagen.


Ein geschichtsträchtiger Ort

 

Eine solche durchwatbare Flussstelle wurde in früher Zeit "Furt'' genannt. Dort, wo zwischen Wenholthausen und Eslohe heute eine großzügig dimensionierte Brücke die Wenne überspannt, besteht seit Menschengedenken eine solche Flussstelle. Noch heute erkennbar, ist der Flusslauf hier besonders breit, dafür aber flachgründig. Dass dort, wo heute die Brücke errichtet ist, seit Jahrhunderten der Fluss über-schritten wurde, bekunden alte Schriften.

"Freistuhl an der Frankenfurt“, so wurde ein unterhalb des Zusammenflusses von Salwey und Wenne gelegener Gerichtsort bezeichnet. Dieses Freigericht, früher auch in Westfalen "Femgericht" genannt, war ursprünglich die "Genossenschaft" der freien Bauern. Erst später, begünstigt durch die Erzbischöfe von Köln, kam ihnen die richterliche Gewalt und sogar Urteilsvollstreckung zu. Ein Zeitzeuge aus dem Jahre 1560 berichtete über die Tätigkeit eines Freigerichtes mit folgenden Worten:

"Dort hegt man Wege und Stege, Schlinge und Schlege, Mollen (Mühlen) und Kirchwege, Waldemen (markgenossenschaftlichen Waldbesitz) und Straßen, die solle man bauen und bessern, dass der fremde Mann sonder Schaden wagen (mit dem Wagen fahren) und wandern könne."

 

Ob der Standort des Freistuhles mit dem der "Frankenfurt" in Verbindung zu bringen ist, kann heute nur vermutet werden. Fest steht jedoch, dass an diesem Ort schon in frühester Zeit Wenholthauser und Sallinghauser Flur einander berührten. Beide Siedlungen sind frühfränkischen, wohl sogar altsächsischen Ursprungs. Deshalb kann davon ausgegangen werden, dass dort unsere Vorfahren bereits seit fast 1200 Jahren den Fluss beidseitig überschritten, sich begegneten und Gericht hielten.



Mittels eines Baumstammes Steges, gelangten sie von Ufer zu Ufer. Wer zu Pferde ritt, überquerte den Fluss aufsitzend. Bei höherem Wasserstand wurde das Tier am langen Zügel gehalten, während man selber den Steg benutzte. Dass man sich an dieser Furt eines künstlichen Überganges in der zuvor beschriebenen Weise bediente und dass auch damals dieser Übergang an der heute bekannten Stelle lag, ist aus der Tatsache erkennbar, dass die angrenzenden Flurstücke noch heute "Am Wienschien" genannt werden. Die Alten nannten den Steg über die Wenne: "Schiene über de Wiene".

 

Doch bei Hochwasser wurde die Wenne auch hier unpassierbar, da der Steg, wenn er nicht früh genug fort genommen, von den Wassermassen mitgerissen wurde. Dann taten die Reisenden gut daran, solange Quartier zu machen, bis der Übergang wieder gefahrlos möglich war. Bei den Schwestern Eickhoff, die flussabwärts an der "Bußschlacht'' wohnten und dort eine Kaffeewirtschaft für Straßenfuhrleute in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts betrieben, bestand Gelegenheit zur Einkehr. Überhaupt wurde damals von den Kauf- und Fuhrleuten erwartet, dass sie sich unterwegs verpflegten. Davon berichtet der Vers:

"Ein Fuhrmann, der ein Knastert ist und auf seinem Sack Schinken frisst und tut mitbringen Haber und Heu, der bringe auch mit Stall und Streu." 



Eine traurige Begebenheit im 19. Jahrhundert

 

Aus der Zeit, wo Fuhrwerk und Reiter noch durch die Furt mussten, ist auch eine traurige Begebenheit bekannt, die sich bei der gefährlichen Überquerung ereignet hat.

An einem Nikolaustag, 6. Dezember, kam eine Frau Hüllmann aus Richtung Wenholthausen an Bauerdicks Haus vorbei. Da Hochwasser bestand, hielt Bauerdick die Frau an und fragte nach ihrem Ansinnen. Sie erzählte ihm, dass sie zuhause ein todkrankes Kind im Bette liegen hätte und dringend nach Eslohe zum Apotheker müsse, um Medizin holen. Bauerdick wies zum Hochwasser und sagte: "Haben sie denn auch schon zum Hl. Nikolaus gebetet ?" Sie erwiderte mit dem Blick auf ihr Pferd: "Ich habe einen guten Nikolaus unter dem Sattel."

 

Nach einer Stunde, als der Steg vom ansteigenden Wasser schon nicht mehr sichtbar war, kam das Hüllmanns Pferd allein an Bauerdicks Haus vorbei galoppiert. Bauerdick machte sich sofort auf die Suche. Nach kurzer Zeit wurde die tote Frau angeschwemmt und blieb vor der Bußschlacht hängen. Wahrscheinlich hatte sie in den eisigen Fluten einen Herzschlag erlitten und war dann aus dem Sattel geglitten.

 

Christliche Glaubenszeichen am Wennefluß

 

Seit langer Zeit ist nahe am Wenneufer ein Kreuz aufgerichtet. Noch heute wird es von einem Niederesloher Bürger gepflegt. Frische Blumen schmücken dieses Kleinod. Damals gehörten noch sieben Fussfälle dazu, die längst des Weges in Richtung Wenholthausen bis hin zur "Bußschlacht" standen. Damit hat der Name des Wehres seinen Sinn. Der Grund für die Errichtung dieser christlichen Glaubenszeichen ist heute nicht mehr bekannt, doch kann man annehmen, dass sie mit dem Gedenken an die vielen Opfer, die wie Frau Hüllmann in den Fluten der Wenne umkamen, in Verbindung zu bringen sind.

 

Das Kreuz, welches unweit der Wennebrücke aufgerichtet ist, wird im Volksmund "Köttenherrgott" genannt. Dieser Bezeichnung hat eine ganz andere Bewandtnis (siehe dazu mein Bericht im Anhang).

Militärische Interessen förderten Straßen- und Brückenbau

 

Nachdem Preußen Anfang des 19. Jahrhunderts auch die Verwal-tungsherrschaft über Westfalen besaß, setzte die Regierung große Mühen daran, die Verkehrswege zu sichern und auszubauen. Auch der Brückenbau wurde energisch vorangetrieben. Dies hatte auch militärische Gründe, denn auch für Truppentransporte stellten die katastrophalen Wegeverhältnisse eine große Behinderung dar. So wurde auch die Landstraße entlang der Wenne, von Wenholthausen kommend, im Jahre 1834 ausgebaut. Eine Brücke wurde jedoch immer noch nicht errichtet. Der Weg führte vorerst, dem Wennefluss ausweichend, durch das Meßmecker Siepen, hinter Haus Wenne vorbei, in Richtung Bremke. Es sollte noch zwanzig Jahre dauern, bis die Firma Pöttgen aus Meschede den Auftrag erhielt, den Brückenbau durchzu-führen. Die Steinmetzen, Mauerleute und Handlanger waren während der Bauzeit auf dem Schulten Hofe in Sallinghausen in Kost und Logis.

 

Unser Nachbar Schulte gnt. Eiken aus Sallinghausen war auch als Handlanger hierbei beschäftigt. Er hatte einen Tagesverdienst von einem "Kasmänneken", 25 Pfennig wert. Im Jahre 1854 war die Provinzial-Wennebrücke fertiggestellt. Die Jahrhunderte bestehende Gefahr bei Überschreitung des Wenneflusses war damit ein für allemal beseitigt. 
Die erste Wennebrücke, die als Bogenbrücke gebaut wurde, musste um 1970 dem nun bestehenden Betonbau weichen. Sie war den Anforderungen des heutigen Straßenverkehrs nicht mehr gewachsen.

 

Nur der Fluss, die Wenne, die das Tal über Jahrmillionen formte, nimmt forthin  unbeirrt seinen Lauf. Ich empfehle meinen Bericht über das Quellenland

 



Der "Köttenherrgott" an der Wenne

Seit langer Zeit ist nahe am Wenneufer, dort wo der Weg zum bereits vor Jahrzehnten stillgelegte Haltepunkt „Wenner Bahnhof“ beginnt, ein Kreuz aufgerichtet. Es kann nicht mit Bestimmtheit gesagt werden, warum hier seit Menschengedenken dieser, als „Köttenherrgott“ bezeichnete Korpus besteht. Früher gehörten noch sieben Fußfälle, die am Weg nach Wenholthausen zur im Volksmund genannten „Bußschlacht“ standen. Wohl hängt der Name der Schlacht auch mit diesen Fussfällen zusammen. Es ist aber anzunehmen, dass die Errichtung dieser christlichen Glaubenszeichen mit dem Gedenken an Opfer, die in den Fluten der Wenne umkamen, in Verbindung stehen. 

 

Die wohl etwas unflätige Bezeichnung „Köttenherrgott“ hat einen anderen Hinter-grund. Hier am Wenneübergang war ein bekannter Sammelpunkt und Lagerplatz des fahrenden Volkes. Scherenschleifer und Kesselflicker kampierten dort mit Vorliebe. Sinti und Roma feierten hier Familienfeste und versammelten sich zu ihren Sippentreffen.

 

Es ist überliefert, dass die aus Holz gefertigten Fußfälle, nachdem diese faul, umgestürzt und unansehnlich geworden sind, von dem Bauer Heymer-Schulte in Sallinghausen verbrannt wurden. Im Jahre 1915 stellten Heymers aber an der nun bekannten Stelle ein neues Kreuz mit Kruzifix auf.


Dieses Kreuz, der Witterung preisgegeben und von unseligen Zeitgenossen grob behandelt, hat dort nur bis 1965 gestanden. Es ist heute in die Obhut des Esloher Dampf-Land-Leute-Heimatmuseums gegeben und wurde, nachdem es Jahrzehnte im Magazin lagerte, nach einer Restaurierung an einen schützenden Platz auf dem Museumsplatz wieder aufgestellt worden. 

 

Paul Quinkert (+) aus Niedereslohe hatte ein ganz persönliches Anliegen, am angestammten Platz ein neues Kreuz aufzustellen (siehe Anmerkung). Am 3.5.1965 wurde sein Kreuz von Pfarrer Krawinkel eingesegnet. Doch ist immer wieder festzustellen, dass Unrat und Schmutz von achtlosen Menschen dort abgelagert werden. Nicht geachtet wird dieser Ort und auch ist es schon zu Frevelhandlungen gekommen. So berichtete Paul Quinkert, dass vom neuen Korpus schon beide Arme abgerissen wurden. Doch unbeirrt pflegte er regelmäßig bis zu seinem Tode diesen Platz, stellte frische Blumen hin und zündete ein Licht an. Diese Aufgabe hat heute Franz Quinkert für den Verstorbenen übernommen. 

 

Anmerkung:

Paul Quinkert aus Niedereslohe war ein gottesfürchtiger Mann. 1997 erzählte er dem Verfasser von einem für ihn einschneidenden Erlebnis, welches er am Neujahrsmorgen des Jahres 1963 dort am Kreuz an der Wenne hatte und für ihn nicht begreifbar war.  "Die Situation war außerhalb vom menschlichen Ermessen",  so seine Worte und er sagte es Jahre danach immer noch voller Ergriffenheit.  

Die Einzelheiten dieses Ereignisses, über das er sich jedoch ausschwieg, müssen ihn nachhaltig berührt haben. Es drängte ihn spürbar darüber zu erzählen, doch gleichsam sollte es sein Geheimnis bleiben welches er mit ins Grab nehmen würde. Für ihn wurde es eine Verpflichtung, aber auch ein Bedürfnis, das Wegekreuz an der Wenne, den "Köttenherrgott", zu erneuern, zu pflegen und ehren.